The Second City: Chicagos Comedytempel in Old Town

Seit Dezember 1959 ist The Second City an der 230 W North Ave die Bühne, auf der amerikanische Comedy groß wurde. Hier starteten Bill Murray, Tina Fey und viele andere ihre Karrieren. So fühlt sich ein Abend hier wirklich an.

Fakten im Überblick

Lage
230 W North Ave, Old Town, Chicago, IL 60614
Anfahrt
CTA Brown/Purple Line: Haltestelle Sedgwick; CTA Bus 22 (Clark) oder 36 (Broadway) bis North Ave
Zeitbedarf
2–3 Stunden für eine Mainstage-Show; plus eine Stunde für Abendessen oder Drinks davor
Kosten
Ticketpreise je nach Show; aktuelle Preise auf secondcity.com
Am besten für
Comedy-Fans, Dates, Gruppen und alle, die etwas typisch Chicagoer erleben wollen
Offizielle Website
www.secondcity.com
Eingang zum The Second City im Chicagoer Stadtviertel Old Town, mit einem verzierten weißen Bogen, einer Steinbüste und Porträts berühmter Comedians über den Glastüren.
Photo Marc Heiden (CC BY-SA 3.0) (wikimedia)

Warum The Second City immer noch zählt

The Second City eröffnete im Dezember 1959 in Chicago und hat seitdem nie aufgehört zu spielen. Diese Beständigkeit allein wäre schon historisch bedeutsam — aber was den Club relevant hält, ist das, was an einem beliebigen Dienstagabend auf der Bühne passiert. In diesem Theater wurde die Improvisationskomödie, so wie Amerikaner sie kennen, entwickelt, verfeinert und in die Welt exportiert. Die Namen, die hier ausgebildet wurden, lesen sich wie ein Lehrplan der modernen Comedy: John Belushi, Bill Murray, Gilda Radner, Mike Myers, Tina Fey, Stephen Colbert, Steve Carell. Die Liste ist so lang, dass weiteres Aufzählen irgendwann sinnlos wird.

Diese Geschichte wirkt nicht abstrakt, wenn man im Saal sitzt. Die Bühne ist klein, die Sicht von fast jedem Platz gut, und das Ensemble arbeitet ohne Netz. Selbst ausgefeiltere Mainstage-Revuen behalten diese Lebendigkeit, die kein Streaming-Dienst und keine Late-Night-Aufzeichnung ersetzen kann. Man schaut zu, wie etwas entsteht — auch wenn es vorher geprobt wurde.

💡 Lokaler Tipp

Tickets für Mainstage-Shows am Wochenende am besten mindestens eine Woche im Voraus buchen. Freitag- und Samstagvorstellungen sind oft ausverkauft, besonders im Sommer und in der Vorweihnachtszeit. Vorstellungen unter der Woche bieten dieselbe Qualität mit viel weniger Konkurrenz um Plätze.

Das Theater: Was dich beim Ankommen erwartet

Das Gebäude liegt am östlichen Rand von Old Town an der North Avenue, einem Viertel, das einen frühabendlichen Spaziergang ohnehin lohnt. Von außen gibt es nichts Großartiges: keine imposante Leuchtreklame, keinen roten Teppich. Drinnen hat die Lobby das angenehm eingespielte Flair eines Ortes, der seit Jahrzehnten jeden Abend Vorstellungen gibt. Es gibt eine Bar, Mitarbeiter, die offensichtlich schon hundert Mal nach dem Parkplatz gefragt wurden, und ein allgemeines Summen der Vorfreude, das in den fünfzehn Minuten vor Vorstellungsbeginn spürbar zunimmt.

Der Mainstage-Saal fasst rund 300 Personen, mit gestuften Sitzreihen, die das Publikum nah an die Bühne bringen. In den Cabaret-Bereichen gibt es Tische; prüf dein Ticketformat, bevor du davon ausgehst, dass du automatisch einen Tisch für Getränke bekommst. Die e.t.c.-Bühne — ein kleinerer alternativer Aufführungsraum im selben Komplex — zeigt neuere Ensemblearbeiten und ist einen Blick wert, wenn du noch einen zweiten Abend in der Stadt hast.

Komm mindestens 20 Minuten vor Beginn. Die Bar vor der Vorstellung füllt sich schnell, und Nachzügler werden an der Tür gehalten, bis es eine natürliche Pause in der Show gibt.

Die Shows: Mainstage, e.t.c. und die Late-Night-Option

The Second City spielt sieben Abende die Woche auf seinen Bühnen. Die Mainstage-Revue ist das Herzstück: eine Sketch-Show, die durch monatelange Improvisation entstand, zu einem vollständigen Abend ausgearbeitet wurde und meistens rund 90 Minuten dauert. Diese Revuen wechseln regelmäßig — wer also schon einmal da war, findet wahrscheinlich etwas Neues. Die Texte sind oft aktuell und Chicago-spezifisch, was auch bei nur oberflächlichen Kenntnissen der Lokalpolitik belohnt, aber das handwerkliche Können macht sie für Besucher aus aller Welt zugänglich.

Nach Ende der Hauptshow kommt das Ensemble in der Regel für ein kostenloses Improv-Set zurück auf die Bühne — offen für alle, die noch im Saal sind. Genau hier passiert gelegentlich etwas wirklich Unerwartetes. Das Sicherheitsnetz ist komplett weg, das Ensemble durch die gerade absolvierte Vorstellung aufgeladen, und die Ergebnisse reichen von sehr witzig bis gelegentlich außergewöhnlich. Dabeibleiben kostet nichts und dauert ungefähr 30 Minuten.

ℹ️ Gut zu wissen

Das kostenlose Improv-Set nach der Mainstage-Show ist nicht bei jeder Vorstellung garantiert. Beim Kauf am besten die Theaterkasse fragen oder auf die Showbeschreibung achten.

Die e.t.c.-Bühne hat ein eigenes Revue-Programm in separatem Wechsel und zeigt oft Ensembles, die die nächste Mainstage-Besetzung werden. Eine Show dort fühlt sich etwas rauer und experimenteller an als das polierte Mainstage-Produkt. Wer zwei Abende Zeit hat, kann gut beide Bühnen in einem Trip kombinieren.

Geschichte und kulturelle Bedeutung

Bevor The Second City existierte, gab es in Chicago bereits die Compass Players — eine kurzlebige Improv-Gruppe, die Mitte der 1950er in Hyde Park auftrat. Als dieses Ensemble sich auflöste, gründeten einige der Mitglieder The Second City, benannt nach einem herablassenden Artikel von A.J. Liebling im New Yorker von 1952, der Chicago als provinzielle Zweitstadt hinter New York bezeichnete. Die Gründer machten aus dem Seitenhieb eine Marke.

Das Unternehmen entwickelte eine eigene Methodik: Szenen werden im Workshop improvisiert, das beste Material geformt und wiederholt, bis daraus eine Revue entsteht. Dieser Prozess — und nicht eine einzelne Show oder ein einzelnes Ensemblemitglied — ist The Second Citys eigentlicher Beitrag zur amerikanischen Bühnenkunst. Er gab der Improvisationskomödie eine theatrale Struktur und eine professionelle Karriereleiter und brachte Generationen von Künstlern hervor, die diese Techniken in Saturday Night Live, Late-Night-Shows und Kinofilme trugen.

Das Viertel Old Town, in dem das Theater liegt, hat seine eigene Geschichte als Gegenkulturnabe der 1960er und Zentrum von Chicagos Folk-Revival. Das ist für moderne Besucher weniger relevant als die Restaurantdichte an der Wells Street — aber wer sich für Chicagos Stadtteilgeschichten interessiert, bekommt hier noch eine zusätzliche Schicht.

Anfahrt und Weiterkommen nach der Show

Die praktischste Anfahrt ist die CTA Brown oder Purple Line bis Sedgwick — von dort sind es gut 10 Gehminuten bis zum Theater. Die Brown Line fährt abends regelmäßig und verbindet zurück zur Loop und zur Red Line. CTA-Busse der Linien 36 und 156 bedienen den North-Avenue-Korridor ebenfalls direkt.

Rideshare-Abholungen nach der Show können dauern: Die North Avenue ist an Wochenendabenden nach Vorstellungsende voll, und Preissurges sind üblich. Ein oder zwei Blocks zu Fuß gehen, bevor du das Auto bestellst, hilft. Wenn du den Besuch mit Abendessen kombinieren willst, bietet die Wells Street in Old Town und das weitläufigere Lincoln Park und Old Town genug Optionen, um einen ganzen Abend rund um die Show zu füllen.

⚠️ Besser meiden

Straßenparkplätze in der Nähe des Theaters sind an Wochenendabenden sehr rar. Wer mit dem Auto kommt, sollte Puffer einplanen oder gleich ein Parkhaus nutzen, statt ewig zu kreisen.

Fotos, Atmosphäre und wie sich der Abend verändert

Fotografieren in den Vorstellungsräumen während der Show ist nicht erlaubt. In der Lobby und am Tresen vor Beginn ist es kein Problem — und das Theatergebäude von außen bei Nacht hat ein warmes, einladendes Leuchten, das sich gut von der anderen Straßenseite fotografieren lässt.

Die Energie in der Lobby verändert sich spürbar im Laufe des Abends. Vor der Show dominieren Erstbesucher, die sich gegenseitig erklären, wie sie ihre Plätze finden. In der Pause ist die Stimmung gelöst und aufgedreht. Nach dem Improv-Set, wenn sich die Türen endlich leeren, bleibt die kleine Gruppe, die den vollen Abend erlebt hat, oft noch draußen und diskutiert, was sie gerade gesehen hat. Das ist eine ganz andere Energie als nach einem Konzert oder einem Museumsbesuch.

Wer den Abend im Viertel verlängern will: Old Town geht nahtlos südwärts in den Lincoln Park über, wo man den Lincoln Park Zoo und die Seefront findet. Chicagos Comedy-Szene ist geografisch nicht so konzentriert wie in manchen anderen Städten, aber die Green Mill Cocktail Lounge in Uptown ist die andere große Live-Performance-Institution, die man kennen sollte, wenn einen Chicagos Aufführungsgeschichte interessiert.

Für wen das nichts ist

The Second City macht Sketch- und Improv-Comedy für Erwachsene. Die Inhalte sind häufig politisch und gesellschaftskritisch — und die Kanten werden nicht abgeschliffen. Kleine Kinder werden die Anspielungen nicht verstehen, und die späten Anfangszeiten sind für Familienreisen unpraktisch. Wer lieber klar strukturierte, passive Unterhaltung ohne Überraschungen mag, könnte das Format verwirrend finden.

Wer wegen Jazzgeschichte, Blues-Bars oder Orchestermusik nach Chicago gekommen ist, bewegt sich in einem anderen kulturellen Terrain. The Second City ist nicht dasselbe wie ein Abend im Chicago Symphony Orchestra oder ein Set in Kingston Mines. Es lohnt sich, vorher zu wissen, was man wirklich sucht.

Für einen breiteren Überblick über Chicagos Bühnenlandschaft zeigt der Chicago-Comedy-Guide, wie die gesamte Improv-, Stand-up- und Sketch-Szene der Stadt aussieht — weit über The Second City hinaus.

Insider-Tipps

  • Das Improv-Set nach der Show ist kostenlos und im Ticket enthalten — es ist eines der besten Angebote im Chicagoer Unterhaltungsleben. Die meisten Touristen gehen in der Pause und verpassen es komplett.
  • Vorstellungen von Dienstag bis Donnerstag haben meist weniger Zuschauer. Das bedeutet: Die Bühne wirkt intimer, die Energie experimenteller — und die Cast geht mehr Risiken ein.
  • Wer mit einer größeren Gruppe kommt, sollte direkt an der Theaterkasse anrufen statt online zu buchen. Die Mitarbeiter können bei der Tischplanung helfen und klären, ob die Gruppengröße zu den Cabaret-Bereichen passt.
  • Die Bar öffnet lange vor Beginn. Wer 30–40 Minuten früher kommt, holt sich entspannt einen Drink, findet seinen Platz ohne Stress und trifft gelegentlich Ensemble-Mitglieder in der Lobby vor dem Start.
  • Schau dir auch den Spielplan der e.t.c.-Bühne an. Die Tickets sind oft günstiger, die Qualität aber genauso hoch — hier wird die nächste Generation des Ensembles in Echtzeit entwickelt.

Für wen ist Second City geeignet?

  • Comedy-Fans und alle, die verstehen wollen, woher Saturday Night Live wirklich kommt
  • Dates, die etwas Besonderes wollen statt dem üblichen Dinner-und-Kino-Abend
  • Erwachsenengruppen auf der Suche nach einem gemeinsamen Erlebnis mit echtem Gesprächsstoff
  • Wiederholungsbesucher in Chicago, die Museen und Seeufer schon kennen
  • Reisende mit Interesse an amerikanischer Kulturgeschichte und Live-Performance

Sehenswürdigkeiten in der Nähe

Weitere Highlights in Lincoln Park & Old Town:

  • Alfred Caldwell Lily Pool

    Versteckt im Lincoln Park liegt der Alfred Caldwell Lily Pool – ein 3 Acre großes nationales Kulturdenkmal, das zwischen 1936 und 1938 im Prairie-School-Stil umgestaltet wurde. Der Eintritt ist frei, Menschenmassen sind selten, und das Erlebnis ist auf Chicagos touristischen Standardrouten schlicht einzigartig.

  • Chicago History Museum

    Das 1856 als Chicago Historical Society gegründete Chicago History Museum ist die älteste Kultureinrichtung der Stadt. Am Rand des Lincoln Park gelegen, erzählt es die gesamte Geschichte Chicagos – von den frühesten indigenen Bewohnern über den Großen Brand bis zur Arbeiterbewegung und darüber hinaus. Ein Ort für alle, die mehr wollen als Skyline-Fotos.

  • Green City Market

    Der Green City Market ist Chicagos einziger ganzjähriger nachhaltiger Wochenmarkt – er zieht Spitzenköche, lokale Landwirte und echte Foodies in den Lincoln Park, mittwochs und samstags während der Außensaison. Der Eintritt ist sowohl am Outdoor-Standort im Lincoln Park als auch am Winterstandort drinnen kostenlos. Saisonales Gemüse, handwerkliche Produkte und Kochvorführungen machen ihn zu einem der authentischsten Lebensmittelerlebnisse der Stadt.

  • Kingston Mines

    Der 1968 gegründete Kingston Mines auf der North Halsted Street ist der größte und älteste durchgehend betriebene Blues-Club in Chicago. An Wochenenden spielen zwei Bühnen gleichzeitig – und die Musik läuft bis 4 Uhr morgens. Hier lebt die Blues-Tradition der Stadt.