Chicago Board of Trade Building: Die Krone der LaSalle Street
Mit 184 Metern Höhe am südlichen Ende der LaSalle Street ist das Chicago Board of Trade Building eines der schönsten Art-déco-Hochhäuser der USA. Entworfen von Holabird & Root und 1930 fertiggestellt, prägt es den Finanzdistrikt des Loop mit einer Edelstahlgöttin an seiner Spitze und einer Lobby, die wie ein Prohibition-Fiebertraum aus Ehrgeiz und Ornamentik wirkt.
Fakten im Überblick
- Lage
- 141 W Jackson Blvd, Chicago Loop (an der LaSalle St)
- Anfahrt
- CTA Brown/Purple/Orange/Pink Lines – Station Quincy; Blue/Red Lines – Jackson (kurzer Fußweg)
- Zeitbedarf
- 30–60 Minuten für Außenbereich und Lobby; mehr Zeit mit einer geführten Architektur-Tour
- Kosten
- Außenbereich und Lobby kostenlos zugänglich (Wochentage während der Geschäftszeiten); geführte Touren je nach Anbieter kostenpflichtig
- Am besten für
- Architekturbegeisterte, Geschichtsinteressierte, Fotografen und alle, die den Loop zu Fuß erkunden
- Offizielle Website
- www.cbotbuilding.com

Was du hier eigentlich siehst
Das Chicago Board of Trade Building ist kein Museum, durch das man gemächlich schlendert. Es ist in erster Linie ein funktionierendes Bürogebäude – das aber zufällig zu den architektonisch bedeutsamsten Bauten des Mittleren Westens gehört. 1930 auf dem Höhepunkt des Art déco fertiggestellt, wurde es vom Chicagoer Büro Holabird & Root entworfen und war von seiner Vollendung bis 1965 das höchste Gebäude der Stadt – bis das Richard J. Daley Center es überragte. Mit 44 Stockwerken und 184 Metern dominiert es noch heute das südliche Ende der LaSalle Street mit einer Präsenz, die neuere Glastürme schlicht nicht erreichen.
Das Wahrzeichen des Gebäudes ist eine 9,4 Meter hohe Edelstahlstatue der Ceres, der römischen Göttin des Getreides, erschaffen von John Storrs (1885–1956). Die Wahl von Ceres war kein Zufall: Die Board of Trade war damals die älteste und größte Terminbörse der Welt, an der Agrarrohstoffe wie Weizen und Mais gehandelt wurden. Die Statue hat kein Gesicht – eine bewusste Entscheidung von Storrs, denn in dieser Höhe würde niemand ihre Mimik ablesen können. Diese kühle Pragmatik passt gut zu Chicago.
ℹ️ Gut zu wissen
Das Gebäude wurde 1977 zum Chicago Landmark erklärt und 1978 ins National Register of Historic Places aufgenommen. Es besteht aus zwei miteinander verbundenen Teilen: dem ursprünglichen Turm von 1930 und einem nördlichen Anbau aus dem Jahr 1980, ebenfalls von Holabird & Root.
Die LaSalle Street-Schlucht: Die Annäherung ans Gebäude
Am eindrucksvollsten erlebt man das Chicago Board of Trade Building, wenn man von Norden kommt – also die LaSalle Street von der Randolph oder Washington Street aus nach Süden entlangläuft. Dieser Abschnitt der LaSalle gehört zu den großartigsten Stadtkorridoren der USA. Die Straße zieht schnurgerade durch den Finanzdistrikt des Loop, flankiert von Kalkstein- und Granitwänden, und der CBOT-Turm taucht am Ende auf wie ein Punkt hinter einem sehr langen Satz.
An Werktagmorgen füllt sich die Schlucht mit eiligen Büroangestellten, Kaffeeduft von den Imbisswagen an den Kreuzungen und dem Grollen der Hochbahn einen Block weiter. Das Licht wechselt je nach Tageszeit dramatisch: Mittags im Sommer erreicht die direkte Sonne den Straßenboden, und die Kalksteinfassade des Gebäudes leuchtet fast weiß. Am späten Nachmittag liegt die LaSalle im Schatten, während der obere Turm warmes Goldlicht einfängt und die Straßenebene kühl und grau bleibt. Wer das Gebäude fotografieren möchte, sollte diesen Kontrast einkalkulieren.
💡 Lokaler Tipp
Für den klassischen LaSalle-Street-Schlucht-Shot mit dem CBOT-Turm im Hintergrund: Stelle dich in der Nähe der Kreuzung LaSalle und Adams auf und nimm ein moderat weitwinkliges Objektiv. Frühmorgens an einem Werktag bekommst du die Energie des Finanzviertels, ohne dass undurchdringliche Menschenmengen das Bild versperren.
Die Lobby: Art déco in seiner ernsthaftesten Form
Der Zugang zur Lobby ist während der normalen Bürozeiten an Wochentagen möglich – allerdings ist dies ein aktives Arbeitsgebäude, und das Innere ist keine öffentliche Sehenswürdigkeit im herkömmlichen Sinn. Was dich drinnen erwartet, ist trotzdem einen kurzen Umweg wert. Die Lobby zeigt mehrfarbige Marmorböden, aufwendige Basreliefs und geometrisch reich verzierte Deckendetails. Insgesamt vermittelt der Raum das Gefühl von unerschütterlichem institutionellem Selbstbewusstsein – ein Gebäude, das damit rechnete, Jahrhunderte lang zu zählen, und entsprechend geplant wurde.
Die Lobby wirkt größer, als sie eigentlich ist – zum einen wegen der hohen Decken, zum anderen weil die Ornamentik den Blick unweigerlich nach oben zieht. An den meisten Werktagmorgen ist es ein ruhiger Ort, der hauptsächlich von Mieterinnen und Mietern durchquert wird. Sicherheitspersonal ist anwesend, und obwohl die Lobby zugänglich ist, handelt es sich nicht um eine Touristenattraktion wie ein Museum. Verhalte dich wie in jedem anderen professionellen Bürogebäude: bewege dich ruhig durch den Raum, halte keine Verkehrswege auf, und frag nach, bevor du in der Nähe des Sicherheitsschalters fotografierst.
⚠️ Besser meiden
Der Zugang zu den Etagen oberhalb der Lobby ist Mietern und deren Gästen vorbehalten. Rechne nicht damit, mit dem Aufzug in höhere Stockwerke oder auf Börsenflächen zu gelangen – außer im Rahmen einer gebuchten Tour oder nach Absprache mit dem Gebäudemanagement.
Geschichte und kulturelle Bedeutung
Die Chicago Board of Trade wurde 1848 gegründet und gehört damit zu den ältesten Warenterminbörsen der Welt. Als dieser Turm 1930 gebaut wurde, war Chicago die Getreidebörsenhauptstadt des Planeten – und das Gebäude sollte diese Dominanz in Stein und Stahl ausdrücken. Der Handelssaal, der das Gebäude einst mit dem ohrenbetäubenden Lärm des Open-Outcry-Handels füllte, ist seit dem Übergang zum elektronischen Handel in den letzten zwei Jahrzehnten weitgehend verwaist.
2007 fusionierte die CBOT mit der Chicago Mercantile Exchange zur CME Group, die heute nach Handelsvolumen die größte Derivatebörse der Welt betreibt. Die Identität des Gebäudes wandelte sich dabei von einer aktiven Börse zu einer prestigeträchtigen Büroadresse. Einige Händlerinnen und Händler arbeiten noch immer hier, aber die hektische Energie, die das Gebäude einst definierte, ist größtenteils verschwunden. Was bleibt, ist die Architektur – und Architektur dieser Qualität braucht keine Aktivität, um sich zu rechtfertigen.
Das Gebäude fügt sich natürlich in eine umfassendere Erkundung von Chicagos Architekturerbe ein. Wer durch das CBOT Interesse an den kommerziellen Bauten der Stadt geweckt bekommt, sollte sich das nahegelegene Rookery Building an der LaSalle nicht entgehen lassen: ein Burnham-and-Root-Bau von 1888 mit einer von Frank Lloyd Wright renovierten Lobby. Beide Gebäude liegen nur wenige Gehminuten voneinander entfernt und zeigen zusammen ein halbes Jahrhundert Chicagoer Architekturgeschichte.
Geführte Touren und architektonischer Kontext
Am meisten profitiert man vom Chicago Board of Trade Building als Besucherin oder Besucher durch eine strukturierte Architektur-Tour. Mehrere Anbieter offerieren Loop-Rundgänge, bei denen das CBOT ein zentrales Element ist – mit Zugang zur Lobby und ausführlichem Kommentar zu Design, Geschichte und Bedeutung des Gebäudes innerhalb Chicagos Architekturlandschaft.
Das Chicago Architecture Center am Riverwalk ist der beste Ausgangspunkt für solche Besuche. Es bietet sowohl Loop-Rundgänge als auch Architektur-Flusstouren an, die das CBOT im Zusammenhang mit Dutzenden weiterer bedeutender Bauten einordnen. Die Guides hier sind außergewöhnlich gut informiert und schöpfen aus jahrzehntelangem Expertenwissen über das gebaute Chicago.
Auch eine selbstgeführte Besichtigung ist gut machbar. Das Chicago Architecture Center verkauft eine detaillierte Loop-Rundgangskarte, und das Außengelände ist zu jeder Tages- und Nachtzeit zugänglich. Nachtbesuche werden unterschätzt: Nach Einbruch der Dunkelheit wird der Turm von unten angestrahlt, die Ceres-Statue leuchtet an der Spitze, und die Straße rund um dich leert sich allmählich. Die LaSalle Street-Schlucht um 22 Uhr an einem Werktag, mit dem strahlenden CBOT-Turm am fernen Ende, gehört zu den wirklich beeindruckenden Stadtansichten Chicagos.
Fotografie, Wetter und praktische Hinweise
Chicagos Klima wirkt sich hier stärker auf das Erlebnis aus als bei den meisten Innenstadtattraktionen. Im Winter verwandelt sich die LaSalle Street in einen Windkanal, und die Temperaturen fallen regelmäßig unter den Gefrierpunkt. Die Schluchtengeometrie, die die Straße so fotogen macht, bündelt auch die Kaltluft vom See. Zieh dich warm an und bewahr die Kamera zwischen den Aufnahmen in einer Tasche auf, damit das Objektiv nicht beschlägt, wenn du wieder nach drinnen gehst. Im Sommer spendet dieselbe Geometrie den Großteil des Tages Schatten – eine willkommene Abkühlung an den heißen Julitagen der Stadt (Tageshöchstwert im Schnitt um die 29 °C).
Frühling und früher Herbst sind die angenehmsten Jahreszeiten für einen Spaziergang. Mai und September bieten moderate Temperaturen, gutes Licht und einen Loop, der lebendig ist – ohne das Touristenaufkommen der Sommerwochenenden. Regen ist über das Jahr relativ gleichmäßig verteilt, daher ist ein Regenschirm in der Tasche immer eine gute Idee.
Das CBOT liegt im Herzen des Loops, was eine hervorragende ÖPNV-Anbindung bedeutet. Die CTA-Linien Brown, Purple, Orange und Pink halten an der Station Quincy, etwa zwei Gehminuten entfernt. Die Blue und Red Lines halten an der Jackson, rund vier Minuten zu Fuß. Wer das CBOT mit anderen Loop-Sehenswürdigkeiten kombinieren möchte: der Chicago Riverwalk liegt etwa zehn Fußminuten nördlich, und der Millennium Park ist etwa fünfzehn Minuten nordöstlich.
Für wen sich der Besuch nicht lohnt
Wer vor allem interaktive Erlebnisse, Aufführungen oder aktivitätsbasierte Ausflüge sucht, wird hier abseits von Außenfassade und Lobby wenig finden. Der Handelssaal, der dieses Gebäude einst so elektrisierend machte, ist für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wenn Architektur dich kaltlässt und du nur wenige Stunden in Chicago hast, kannst du das CBOT getrost auslassen – du verpasst nichts Unersetzliches. Für alle aber, die auch nur ein beiläufiges Interesse an städtischer Architektur des 20. Jahrhunderts mitbringen, ist es die Zeit ohne Frage wert.
Insider-Tipps
- Lauf die LaSalle von der Randolph Street aus nach Süden, statt vom Jackson aus anzunähern. Nur durch den Schlucht-Effekt des vollen Straßenzugs versteht man, warum dieses Gebäude bewusst als Abschluss eines langen Korridors geplant wurde – und nicht als freistehendes Objekt.
- Der Nordanbau von 1980 lohnt einen genaueren Blick. Er greift die Abstufungen und Proportionen des Originals von 1930 bewusst auf, statt einen Kontrast zu setzen – für die damalige Zeit eine ungewöhnliche Entscheidung, die besser funktioniert, als ihr oft zugestanden wird.
- Die Ceres-Statue kommt am besten am späten Nachmittag zur Geltung, wenn die Sonne von Westen auf den oberen Turm trifft. Am besten von der Kreuzung LaSalle und Jackson aus: einfach gerade nach oben und leicht nach Süden schauen.
- Wer die Lobby mit echtem Hintergrundwissen erleben möchte – und nicht nur kurz reinschauen – sollte im Voraus eine Architektur-Führung buchen. Mehrere Anbieter kommen an Werktagmorgen, wenn das Gebäude am aktivsten ist und der Lobby-Zugang am unkompliziertesten.
- Für eine andere Perspektive auf die Baumassen lohnt sich ein Umweg zur Quincy Street. Von Osten aus wirkt das Gebäude ganz anders – hier erkennt man das Verhältnis zwischen dem Anbau von 1980 und dem ursprünglichen Turm deutlich besser.
Für wen ist Chicago Board of Trade Building geeignet?
- Architekturbegeisterte auf einem Loop-Rundgang
- Fotografen auf der Suche nach klassischen Chicago-Stadtschluchten-Motiven
- Geschichts- und Finanzinteressierte, die mehr über Chicagos Rohstoffhandel erfahren möchten
- Erstbesucher auf einer geführten Architektur-Tour durch den Loop
- Reisende, die mehrere Loop-Sehenswürdigkeiten an einem halben Tag kombinieren
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in The Loop:
- Art Institute of Chicago
Eines der größten und meistbesuchten Kunstmuseen der USA, das Art Institute of Chicago, prägt den östlichen Rand des Loop mit einer Sammlung von über 300.000 Werken aus 5.000 Jahren. Von Georges Seurats pointilistischem Meisterwerk bis zu Grant Woods American Gothic – allein die Highlights füllen locker einen halben Tag.
- Buckingham Fountain
Der Clarence Buckingham Memorial Fountain gehört zu den größten Zierbrunnen der Welt und liegt seit 1927 im Herzen des Grant Park. Der Eintritt ist kostenlos – während der Saison von Frühling bis Mitte Oktober gibt es stündliche Wassershows und eine abendliche Lichtshow, die Besucher aus der ganzen Stadt anzieht.
- Chicago Architecture Center
Das Chicago Architecture Center befindet sich in Mies van der Rohes One Illinois Center direkt am Chicago River und bietet knapp 930 Quadratmeter Ausstellungsfläche, ein beeindruckendes Stadtmodell im Maßstab und Zugang zu einigen der informativsten Architekturtouren des Landes. Der beste Ausgangspunkt, um zu verstehen, warum Chicagos Skyline zu den bedeutendsten der Welt gehört.
- Chicago Architecture Foundation Flusskreuzfahrt
Die Flusskreuzfahrt des Chicago Architecture Center an Bord der Chicago's First Lady ist der kompetenteste Weg, Chicagos Skyline wirklich zu verstehen. In 90 Minuten führen ausgebildete Guides durch mehr als 40 Landmark-Gebäude entlang aller drei Arme des Chicago River – und erklären, warum die Stadt so aussieht, wie sie aussieht.