Jiufen Old Street: Die Hügelstadt, die ihren Ruf verdient
Die Jiufen Old Street (Jishan Street) ist eine schmale, mit roten Laternen geschmückte Gasse, die sich durch eine ehemalige Goldbergbaustadt oberhalb von Taiwans Nordostküste schlängelt. Der Eintritt ist frei, und per Zug und Bus ist sie bequem von Taipei aus erreichbar. Wer früh kommt oder bis zum Abend bleibt, wird belohnt – wenn die roten Laternen gegen den Bergnebel leuchten.
Fakten im Überblick
- Lage
- Jishan Street, Ruifang District, New Taipei City, Taiwan
- Anfahrt
- TRA-Zug bis Bahnhof Ruifang, dann Bus oder Taxi hinauf nach Jiufen
- Zeitbedarf
- 2–4 Stunden für die Straße; ein halber Tag, wenn du umliegende Sehenswürdigkeiten mitnimmst
- Kosten
- Eintritt frei; Essen und Teehäuser kosten extra (Preise in TWD)
- Am besten für
- Geschichtsbegeisterte, Fotografen, Teehaus-Kultur, Abendatmosphäre
- Offizielle Website
- newtaipei.travel/en/attractions/detail/112939

Was ist die Jiufen Old Street eigentlich?
Die Jiufen Old Street ist kein Freizeitpark und kein gemanagtes Touristenziel. Es ist eine echte, lebendige Gasse – offiziell Jishan Street –, die zufällig die historische Hauptachse einer Goldbergbaustadt ist, eingebettet in die steilen Hügel an Taiwans Nordostküste. Es gibt keine Tore, keine Eintrittskarten und kein Zeitfensterbuchungssystem. Die Straße ist rund um die Uhr zugänglich, die meisten Geschäfte haben wochentags grob von 08:00 bis 20:00 Uhr geöffnet, am Wochenende teils bis etwa 22:00 Uhr.
Jiufen liegt im Ruifang District von New Taipei City, etwa 35 Kilometer nordöstlich des Stadtzentrums von Taipei. Der Ort ist kompakt, steil und wirklich alt. Steintreppen verbinden die terrassenförmig angelegten Gassen, und die Architektur spiegelt eine vielschichtige Geschichte wider: Ladenhäuser aus der japanischen Kolonialzeit stehen neben Teehäusern, die auf Holzpfählen am Hang kleben und von deren Fenstern aus der Keelung-Berg und die Pazifikküste zu sehen sind.
ℹ️ Gut zu wissen
Jiufen gehört technisch gesehen zu New Taipei City, nicht zu Taipei City – wird aber überall als Tagesausflug von Taipei vermarktet. Die Fahrtzeit von Taipeis Hauptbahnhof bis zum Bahnhof Ruifang mit dem TRA-Regionalzug beträgt rund 40–50 Minuten.
Geschichte im Schnelldurchlauf: Gold, Verfall und Neuerfindung
Jiufens Aufstieg und Niedergang verliefen parallel zur Goldgeschichte. Im späten 19. Jahrhundert wurden bedeutende Goldvorkommen entdeckt, und die Stadt wuchs rasch zu einer der wirtschaftlich aktivsten Siedlungen Nordtaiwans heran. Während der japanischen Kolonialzeit von 1895 bis 1945 wurde die Bergbauinfrastruktur erheblich ausgebaut – der Hang füllte sich mit Arbeitern, Händlern und der dichten, terrassenförmigen Bebauung, die noch heute zu sehen ist.
Als das Gold versiegte und die Minen Mitte des 20. Jahrhunderts schlossen, verlor Jiufen schnell an Bedeutung. Jahrzehntelang fristete die Stadt ein Schattendasein. Die zweite Blüte begann 1989, als der taiwanische Regisseur Hou Hsiao-hsien Teile seines preisgekrönten Films „A City of Sadness” hier drehte und Jiufens atmosphärische Gassen als Kulisse nutzte. Der Film gewann den Goldenen Löwen in Venedig und machte die Stadt einer ganzen Generation von Cinephilen in Asien bekannt. Der Tourismus folgte.
Internationale Besucher verbinden Jiufen oft mit dem Animationsfilm „Chihiros Reise ins Zauberland”, obwohl Studio Ghibli diese Verbindung nie offiziell bestätigt hat. Die Ähnlichkeit zwischen bestimmten Teehaus-Interieurs und der Ästhetik des Films ist visuell frappierend – und die Assoziation hat sich in der Reisekultur fest verankert, unabhängig von ihrem offiziellen Status. Was für Besucher zählt: Die Atmosphäre, die diesen Vergleich auslöst – die Laternen, der Nebel, die gestapelten Holzbalkone – ist vollkommen real.
Die Jishan Street erkunden: Was dich wirklich erwartet
Die Hauptgasse wird ab dem Bushaltestelleneingang schnell enger. Auf den ersten fünfzig Metern säumen Imbissstände und kleine Läden den Weg – Taro-Bällchen (Yu Yuan), Fischbällchen, Ananaskuchen und lokale Süßigkeiten. Die Gerüche überlagern sich: Bratöl und Sesam mischen sich mit gelegentlichem Weihrauch aus einem kleinen Straßenschrein zwischen den Geschäften.
Je weiter du ins Innere der Straße vordringst und die Steintreppen hinabsteigst, desto mehr lichten sich die Menschenmassen und desto weiter öffnen sich die Aussichten. Teehäuser besetzen die besten Aussichtspunkte – ihre Balkone ragen über den Hang hinaus mit Blick auf die Küste und bei klarem Wetter auf die vorgelagerte Insel Keelung. Der meistfotografierte Abschnitt ist die Shuqi-Road-Treppe: ein steiler Steinabstieg, gesäumt von roten Laternen, der bei Einbruch der Dämmerung und unter Nachtbeleuchtung besonders beeindruckend leuchtet.
Der Untergrund ist unebenes Steinpflaster, oft nass von Regen oder Meeresfeuchte. Griffige Schuhe sind keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Das Gefälle ist stellenweise erheblich, und die Gasse ist so eng, dass entgegenkommende Fußgänger in Stoßzeiten echte Engpässe bilden.
⚠️ Besser meiden
Die Jiufen Old Street ist nicht für Rollstuhlfahrer oder Besucher mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen geeignet. Die Hauptgassen umfassen Dutzende von Steinstufen und steile, unebene Wege ohne Rampenalternativen.
Den richtigen Zeitpunkt wählen: Wie sich das Erlebnis stündlich verändert
Der Unterschied zwischen einer Ankunft um 10:00 Uhr und um 15:00 Uhr an einem Samstag ist erheblich. Wochenendnachmittage – besonders zwischen etwa 12:00 und 16:00 Uhr – bringen den stärksten Touristenandrang. Die engen Gassen werden dann schwer zu durchqueren, an beliebten Imbissständen bilden sich Schlangen, und Fotografieren erfordert viel Geduld. Wer die Atmosphäre spüren und nicht nur hindurchkämpfen will, sollte das Timing ernst nehmen.
Morgenbesuche – Ankunft vor 11:00 Uhr wochentags – bieten eine ruhigere Variante der Straße. Ladenbesitzer richten sich gerade ein, die Gasse riecht nach Tee und frischem Gebäck statt nach Frittiertem, und das Licht, das von Osten auf den Hang fällt, ist klar und fotogen. Der Nebel, der morgens häufig über Jiufen hängt, kann je nach Interesse tolle Stimmung erzeugen oder Fotografen frustrieren.
Die Abenddämmerung ist die atmosphärischste Tageszeit hier. Wenn das Tageslicht schwindet, werden die roten Papierlaternen entlang der Haupttreppe und auf den Teehaus-Balkonen entzündet. Die Wirkung ist wirklich beeindruckend – und nicht etwa für Touristen inszeniert: Die Laternen gehören seit Jahrzehnten zum Straßenbild. Wer gegen 17:00 Uhr ankommt, erlebt den Übergang vom Nachmittagslicht in die Dämmerung und kann danach den vollen Laterneneffekt genießen. Wenn du abends bleibst: Viele Imbissstände fangen ab etwa 20:00 Uhr an zu schließen.
💡 Lokaler Tipp
Wochentags morgens zwischen Oktober und April bieten die beste Kombination aus vertretbaren Menschenmassen, angenehmen Temperaturen und stimmungsvollem Nebel. Jiufen bekommt das ganze Jahr über viel Regen – besonders durch den Nordostmonsun zwischen Oktober und März. Nimm einen kompakten Schirm mit, egal was die Wettervorhersage sagt.
Anreise aus Taipei
Die Standardroute von Taipei führt über das Streckennetz der Taiwan Railways Administration (TRA). Züge vom Hauptbahnhof Taipei in Richtung Ruifang fahren regelmäßig; die Fahrt dauert je nach Zug etwa 40 bis 50 Minuten. Ab dem Bahnhof Ruifang fahren Busse Richtung Jiufen und Jinguashi von der Haltestelle direkt vor dem Bahnhof, die Fahrt den Hügel hinauf dauert rund 15 bis 20 Minuten. Taxis stehen am Bahnhof Ruifang ebenfalls zur Verfügung und fahren zu einem Festpreis oder nach Taxameter nach Jiufen.
Viele Besucher kombinieren Jiufen mit einem Halt im Gold Ecological Park Jinguashi, der mit demselben Bus ein kurzes Stück hinter Jiufen liegt. Das Goldmuseum bietet den historischen Kontext zur Bergbauära, der beide Orte erst richtig verständlich macht. Wer eine umfassendere Route durch Nordosttaiwan plant, findet im Tagesausflug-Guide von Taipei nach Jiufen alle Infos zu Transportoptionen, Timing und lohnenden Kombinationen.
Wer mit einer organisierten Tagestour reist, wird meistens im Zentrum von Taipei abgeholt – die Fahrtdauer ist ähnlich. Der Vorteil des eigenständigen Reisens liegt in der Kontrolle über das Timing, was – wie oben beschrieben – die Qualität des Besuchs erheblich beeinflusst.
Teehäuser und Essen: Was und wo
Taro-Bällchensuppe ist das Gericht, das am stärksten mit Jiufen verbunden wird, und die meisten Erstbesucher probieren sie an einem der Straßenstände nahe dem Haupteingang. Das Gericht besteht aus zähen Bällchen aus Taro, Süßkartoffel oder roter Bohne, in einer leichten süßen Brühe – heiß oder kalt serviert. Qualität und Süßegrad variieren erheblich zwischen den Anbietern; Stände mit sichtbaren Schlangen am Morgen spiegeln die lokale Vorliebe in der Regel zuverlässiger wider als jene direkt am Buseingang.
Wer sich setzen möchte, findet in den Teehäusern am Hang den besten Grund, das Tempo zu drosseln. Viele servieren traditionelle taiwanische Tees – darunter Oolong und Oriental Beauty – begleitet von kleinen Snacks. Die Preise liegen über Straßenniveau, aber du zahlst für den Ausblick und die Zeit: In den meisten Teehäusern kannst du so lange sitzen bleiben, wie du möchtest, nachdem du bestellt hast. Taiwans tiefe Teekultur hat starke Wurzeln in den Hanggemeinden östlich von Taipei – und Jiufens Teehäuser zeigen diese Tradition von ihrer malerischsten Seite.
Tipps für Fotografen
Die Laternentreppe an der Shuchi Road ist das Bild, das die meisten festhalten wollen. Die besten Bedingungen dafür bieten sich bei Einbruch der Dämmerung an einem klaren oder leicht bewölkten Tag, wenn das warme Laternenlicht mit dem blauen Abendhimmel kontrastiert. An nebligen Tagen legt der Dunst eine weiche Stimmung über das Bild – schön, aber ohne Küstenblick im Hintergrund. Prallen Mittagssonne flacht die Laternen ab und wirft harte Schatten auf die Steinstufen.
Wer wochentags vor 17:30 Uhr an der Treppe ankommt, findet zwischen den Reisegruppen kurze Fenster für einen ungestörten Vordergrund. Auch am Wochenende vor 10:00 Uhr gibt es kurze Momente relativer Ruhe. Ein Weitwinkelobjektiv oder der Weitwinkelmodus eines Smartphones erfasst die volle Tiefe der Treppe; ein kurzes Tele komprimiert die Laternen wirkungsvoll für den geschichteten Effekt, den viele anstreben.
Für wen diese Attraktion nicht geeignet ist
Wer ruhige, kontemplative Erlebnisse sucht, könnte in Jiufen – besonders an Wochenendnachmittagen und Feiertagen – frustriert werden. Die Bekanntheit des Ortes sorgt in Stoßzeiten für hohe Besucherdichte, und der kommerzielle Charakter der Hauptgasse mit ihren sich wiederholenden Souvenirläden und lautstark um Aufmerksamkeit buhlenden Imbissständen kann überwältigend wirken, wenn man ein stilles historisches Dörfchen erwartet. Wer echte historische Tiefe ohne Trubel sucht, wird vielleicht eher fündig beim Historischen Viertel Bopiliao in Wanhua oder in den ruhigeren Bereichen der Dihua Street in Dadaocheng.
Das steile Gelände macht Jiufen auch zur schlechten Wahl für Besucher mit Rollstuhl oder Kinderwagen sowie für Menschen mit Knie- oder Gleichgewichtsproblemen. Der Regen, der hier wegen des Nordostmonsuns häufig fällt, macht die Steintreppen rutschig. Entlang der Hauptgasse gibt es keine überdachten Ruhebereiche – bei schlechtem Wetter braucht man also wasserfeste Kleidung, nicht nur einen Schirm.
Insider-Tipps
- Fahr mit dem Bus über Jiufen hinaus nach Jinguashi, statt denselben Weg zurückzugehen. Der Fahrpreis ist minimal, die Menschenmassen lichten sich deutlich, und der Gold Ecological Park liefert den historischen Rahmen, der Jiufens Architektur erst richtig verständlich macht.
- Wenn ein Teehaus eine Balkonsicht und eine Warteschlange hat, lohnt das Warten meistens. Bitte um einen Fenster- oder Geländerplatz, wenn du die Wahl hast – wer drinnen sitzt, verpasst den eigentlichen Grund, hier zu sein.
- Der Bus zurück zum Bahnhof Ruifang füllt sich nach 19:00 Uhr schnell. Wenn du die Abendlaternenstimmung erleben willst, schau vorher die aktuellen Abendbus-Zeiten nach – oder plane einfach ein Taxi den Hügel hinunter ein.
- Jiufens Nebel ist unberechenbar und kann selbst an einem klaren Morgen in unter 30 Minuten aufziehen. Wenn dir die Küstenaussicht wichtig ist, schau schon beim Anfahren aus dem Busfenster. Der Aussichtspunkt über den Teehäusern ist die exponierteste Stelle.
- Die kleinen Läden in den oberen Gassen über der Jishan Street, abseits des Touristenstroms, verkaufen oft dieselben lokalen Waren zu günstigeren Preisen – ohne Warteschlange.
Für wen ist Jiufen Old Street geeignet?
- Fotografen, die die Laternentreppe in der Abenddämmerung oder im Morgennebel einfangen wollen
- Reisende, die sich für Taiwans Goldbergbaugeschichte und japanische Kolonialarchitektur interessieren
- Teeliebhaber auf der Suche nach einem malerischen Teehaus mit echter Oolong-Kultur
- Tagesausflügler aus Taipei, die einen halben Tag ohne Auto erkunden möchten
- Besucher, die mehrere Ziele im Nordosten Taiwans kombinieren – etwa Jinguashi, Shifen oder Yehliu
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Kombiniere deinen Besuch mit:
- Bitou Cape Trail
Der Bitou Cape Trail (鼻頭角步道) verläuft auf einem schmalen Küstenkamm hoch über dem Pazifik im Ruifang-Distrikt, New Taipei City. Der Eintritt ist frei, die Strecke ist etwa 3,5 km lang und belohnt Wanderer mit einigen der spektakulärsten Meereslandschaften in Taipei-Nähe. Achtung: Seit 2020 werden Teile des Weges umgebaut – vor dem Besuch unbedingt den aktuellen Streckenstatus prüfen.
- Houtong Katzendorf
Das Houtong Katzendorf ist eine ehemalige Bergbausiedlung im Ruifang-Bezirk von New Taipei City, wo eine große Katzenpopulation aus einer verblassenden Industriestadt eines der meistfotografierten Ausflugsziele Taiwans gemacht hat. Der Eintritt ist frei, die Anreise erfolgt mit der malerischen Taiwan-Railways-Bahn aus Taipeh, und der benachbarte Houtong Coal Mine Ecological Park lässt sich gut mit einem Besuch verbinden.
- Jinguashi Goldmuseum-Areal
Hoch in den Bergen des Ruifang-Distrikts bewahrt das Goldmuseum in Jinguashi eine vollständige Bergbauanlage aus der japanischen Kolonialzeit. Dich erwarten Stollenführungen, Kolonialarchitektur, eine Gedenkstätte für Kriegsgefangene und ein weiter Blick auf den Pazifik – alles in einem einzigen Freilichtpark.
- Pingxi Alte Straße
Die Pingxi Alte Straße ist eine schmale Gasse direkt neben der Bahnlinie in New Taipei City, wo Taiwans Himmelslaternentradition lebendig wird. Einst auf dem Fundament einer Kohlebergbaugemeinde gebaut, belohnt diese kostenlos zugängliche Straße Besucher mit Laternenläden, traditionellen Snacks und Bergtallandschaft, die sich weit entfernt von der Hauptstadt anfühlt.