Harold Washington Library Center: Chicagos postmoderner Gigant lohnt sich
Das Harold Washington Library Center an der 400 S. State Street gehört zu den architektonisch eindrucksvollsten Gebäuden in Chicagos Loop – und der Eintritt ist kostenlos. Mit rund 756.000 Quadratfuß gilt es oft als das größte öffentliche Bibliotheksgebäude der Welt, doch viele Besucher haben keine Ahnung, dass es überhaupt existiert.
Fakten im Überblick
- Lage
- 400 S. State Street, Chicago, IL 60605 (Loop)
- Anfahrt
- CTA 'L' – Brown, Orange, Pink, Purple Line bis Harold Washington Library–State/Van Buren; Red/Blue Line bis Jackson
- Zeitbedarf
- 45 Minuten bis 2 Stunden, je nach Interesse
- Kosten
- Eintritt frei
- Am besten für
- Architekturbegeisterte, Leseratten, Regentags-Entdecker, Alleinreisende
- Offizielle Website
- www.chipublib.org/locations/34

Was ist das Harold Washington Library Center?
Das Harold Washington Library Center ist Chicagos zentrale öffentliche Bibliothek an der 400 S. State Street im Loop. Das Gebäude wurde 1991 fertiggestellt und nach Harold Washington benannt – Chicagos erstem schwarzen Bürgermeister. Entworfen wurde es vom Büro Hammond, Beeby & Babka im postmodernen Stil, der bewusst an die historische Chicagoer Architektur anknüpft: klassische Gesimse, Bogenfenster und prächtige Eulen als Schmuckelemente auf dem Dach. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das wirkt, als hätte jemand die Highlights der kommerziellen Architektur des 19. Jahrhunderts zusammengestellt und dann auf eine fast theatralische Größe aufgeblasen.
Mit rund 756.640 Quadratfuß auf zehn Etagen bezeichnet die Chicago Loop Alliance es als das größte öffentliche Bibliotheksgebäude der Welt. Diese Behauptung wird von einigen internationalen Konkurrenten je nach Messweise angefochten – aber wer an der Ecke State und Congress steht, spürt die schiere Masse des Gebäudes unmittelbar. Es belegt einen gesamten Häuserblock, und seine Präsenz im Straßenbild ist selbstbewusst bis zum Konfrontativen – was angesichts der postmodernen Debatten der späten 1980er-Jahre rund um den Designwettbewerb völlig beabsichtigt scheint.
💡 Lokaler Tipp
Der Eintritt ist völlig kostenlos. Für den Besuch und die Nutzung der Lesesäle oder öffentlichen Veranstaltungen wird kein Bibliotheksausweis benötigt. Nur wer Materialien ausleihen möchte, braucht einen.
Die Architektur: Eulen, Gesimse und ein Dachgarten
Nimm dir vor dem Eintreten ein paar Minuten für die Außenfassade. Sie ist mit rotem Granit und roten Ziegeln verkleidet, mit großen Bogenfenstern in den oberen Etagen, die an das ornamentale Eisenwerk von Chicagos alten Geschäftsgebäuden erinnern. Das markanteste Merkmal ist das Dach: riesige Blecheulen, jede mehrere Fuß hoch, thronen an den Ecken und Giebeln des Gebäudes. Sie stehen für die Eule als klassisches Symbol von Weisheit und Wissen – aus der Nähe wirken sie gleichermaßen grandios und leicht absurd. Das ist durchaus Teil der Aussage.
Das Gebäude liegt in einem der architektonisch dichtesten Blocks des Landes. Wenige Gehminuten nördlich befindet sich das Chicago Architecture Center, das den breiteren Baukontext des Loop erklärt. Die Bibliothek selbst taucht regelmäßig in Architekturführungen auf – als Beispiel dafür, wie die Postmoderne in Chicago ankam: dramatischer als in den meisten anderen Städten, die das damals bereit waren zu akzeptieren.
Der Wintergarten auf dem Dach im neunten Stock ist ein wirklich überraschendes Raumgefühl: ein lichtdurchflutetes Atrium mit tonnengewölbten Glasdecken, ornamentalem Eisenwerk und einer stillen Grandiosität, die eher an einen Konzertsaal als an eine Bibliotheksetage erinnert. Der Raum wird für Veranstaltungen und ruhige Lektüre genutzt, und das Licht an einem sonnigen Morgen ist außergewöhnlich. Das ist die Etage, die die meisten Gelegenheitsbesucher komplett verpassen – und genau die, die sich am meisten lohnt.
Im Inneren: Was dich wirklich erwartet
Das Erdgeschoss funktioniert als belebter Durchgangspunkt für Loop-Pendler, die Vormerkungen abholen, Computer nutzen oder einfach von der State Street durchlaufen. Die Atmosphäre hier ist pragmatisch, nicht kontemplativ – es herrscht Publikumsverkehr, das Summen einer arbeitenden Stadtbibliothek und der leichte Geruch von altem Papier vermischt mit Kaffee aus einem kleinen Café nahe dem Eingang. Es fühlt sich nicht wie eine Touristenattraktion an – was eigentlich ein Pluspunkt ist.
In den oberen Etagen wird es zunehmend ruhiger. Im dritten Stock befindet sich die Kinderbibliothek, im fünften das Assistive Resources Center mit einem Assistive Technology Room für sehbehinderte oder körperlich eingeschränkte Nutzer. Der siebte und achte Stock beherbergen die Hauptlesesäle und Sachbuchsammlungen – mit Decken und Fenstern, die ihnen eine echte, fast feierliche Größe verleihen. An einem Werktagnachmittag sitzen hier vor allem Studierende, Forschende und Stammgäste; oberhalb des vierten Stockwerks lichtet sich der Andrang deutlich.
Die Thomas Hughes Children's Library belegt das gesamte zweite Stockwerk und ist auch für Erwachsene ohne Kinder einen Blick wert. Sie ist mit derselben architektonischen Sorgfalt gestaltet wie der Rest des Gebäudes – mit maßgefertigtem Mobiliar und einer Raumwirkung, die ihr Publikum nicht unterschätzt.
ℹ️ Gut zu wissen
Öffnungszeiten: Mo–Do 9:00–20:00 Uhr, Fr–Sa 9:00–17:00 Uhr, So 13:00–17:00 Uhr. Bitte aktuelle Zeiten vor dem Besuch auf chipublib.org prüfen, da an Feiertagen andere Regelungen gelten.
Wie sich das Erlebnis je nach Tageszeit verändert
Werktags am Morgen ist es am ruhigsten. Das Gebäude öffnet in der Regel um 9:00 Uhr, und in den ersten ein bis zwei Stunden ist so wenig los, dass man die oberen Etagen und den Wintergarten fast ohne andere Besucher erkunden kann. Das Dachgarten-Atrium fängt morgens das Licht von Osten ein, und ohne den Umgebungslärm einer vollen Bibliothek fällt die besondere Akustik des Raumes auf – Schritte hallen leicht, und die Stille fühlt sich wie etwas Verdientes an.
Mittags und am frühen Nachmittag an Werktagen herrscht am meisten Betrieb: Studenten mit Laptops, Mittagspausenbesucher aus nahen Büros und gelegentlich Schulklassen. Im Erdgeschoss wird es vor den Fahrstühlen voll. Wer vor allem wegen der Architektur und der Lesesäle kommt und nicht wegen der Bibliotheksdienstleistungen, macht vor 11:00 Uhr oder nach 15:00 Uhr an einem Werktag deutlich bessere Erfahrungen.
Wochenendnachmittage sind ruhiger, als man angesichts des Loop-Trubels erwarten würde. Samstagvormittag vor zwölf Uhr kann überraschend beschaulich sein. Sonntags sind die Öffnungszeiten kürzer (13:00–17:00 Uhr), und die Atmosphäre ist anders – weniger zielstrebig, mehr erkundend. Die Besucher scheinen einfach wegen des Raumes selbst hier zu sein, nicht wegen eines bestimmten Anliegens.
Harold Washington: Der Bürgermeister hinter dem Namen
Harold Washington war vom 29. April 1983 bis zu seinem Tod im Amt am 25. November 1987 Bürgermeister von Chicago. Er war der erste afroamerikanische Bürgermeister der Stadt und gewann zwei Wahlen in Auseinandersetzungen, die die tiefen Spaltungen in Chicagos politischer Kultur jener Zeit widerspiegelten. Die zentrale Bibliothek nach ihm zu benennen war ein bewusster Akt der öffentlichen Anerkennung, und sein Porträt sowie sein Erbe ziehen sich durch die öffentlichen Räume des Gebäudes.
Das Gebäude ist kein Museum über Washington, trägt seinen Namen aber mit einer gewissen Bedeutung. Wer mehr Kontext zur politischen und kulturellen Geschichte Chicagos möchte, findet im Chicago History Museum in Lincoln Park eine umfassendere Aufarbeitung der Stadtgeschichte des 20. Jahrhunderts, einschließlich der Washington-Ära.
Anreise und praktische Hinweise
Die Bibliothek ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen. Die Brown, Orange, Pink und Purple Line halten alle direkt am Harold Washington Library–State/Van Buren, unmittelbar vor dem Gebäude. Die Red und Blue Line halten am Jackson, etwa zwei bis drei Blocks nördlich. Das Gebäude ist auch zu Fuß vom Millennium Park in etwa zehn Minuten auf dem Weg nach Süden auf der State Street erreichbar.
Das Gebäude ist barrierefrei zugänglich: Fahrstühle erschließen alle Etagen, im fünften Stock gibt es ein Assistive Resources Center. Toiletten sind auf mehreren Etagen vorhanden. Es gibt keine Garderobe, aber in den Lesesälen der oberen Etagen stehen Schließfächer bereit. Taschen werden in der Regel nicht durchsucht, am Eingang ist jedoch Sicherheitspersonal stationiert.
Fotografieren ist in den öffentlichen Bereichen des Gebäudes grundsätzlich erlaubt, auch im Wintergarten. Das Dachgarten-Atrium lässt sich bei natürlichem Licht besonders gut fotografieren; ein Weitwinkel- oder Ultraweitwinkel-Objektiv hilft dabei, die volle Ausdehnung des Gewölbes einzufangen. Wer darüber hinaus mehr über Chicagos fotogene Architektur erfahren möchte, findet im Chicago-Architekturführer eine detaillierte Übersicht der bedeutendsten Gebäude im Loop.
⚠️ Besser meiden
Die Bibliothek ist an großen Feiertagen geschlossen. Bitte vor einem Besuch rund um ein langes Wochenende die Website der Chicago Public Library prüfen.
Ehrliche Einschätzung: Lohnt sich der Besuch?
Für Reisende mit echtem Interesse an Architektur oder städtischen Bibliotheken gehört das Harold Washington Library Center zu den unterschätzteren Anlaufstellen im Loop. Allein der Wintergarten ist den Umweg wert – es gibt in der ganzen Stadt kaum einen kostenlos zugänglichen Innenraum dieser Größe und Qualität. Die Außenfassade des Gebäudes zählt zu den meistdiskutierten Werken postmoderner Architektur in den USA, für gut oder schlecht – und wer es in Person sieht, beendet Debatten, die Fotos offenlassen.
Für Reisende, die vor allem klassische Sehenswürdigkeiten abhaken wollen und wenig Zeit haben, steht das hier nicht ganz oben auf der Prioritätenliste. Es gibt keine einzelne Ausstellung und keinen einzelnen Aussichtspunkt. Der Wert liegt im Gesamterlebnis: Das Gebäude belohnt eine ruhige Erkundung, kein schnelles Durcheilen. Wer seinen Loop-Tag bereits mit dem Art Institute of Chicago und Cloud Gate voll hat, passt die Bibliothek gut als kostenlose Ergänzung dazu – immerhin liegt sie nur zehn Minuten zu Fuß entfernt. Aber wenn die Zeit knapp ist, sollte sie diese beiden nicht verdrängen.
Wer Architektur gleichgültig gegenübersteht und keinen konkreten Bibliotheksbedarf hat, wird hier wahrscheinlich nicht viel mitnehmen. Es ist am Ende eine funktionierende öffentliche Bibliothek, die zufällig in einem außergewöhnlichen Gebäude untergebracht ist. Wer mit diesem Satz nichts anfangen kann, wird hier wohl auch nicht seinen Höhepunkt erleben.
Insider-Tipps
- Fahre zuerst direkt mit dem Fahrstuhl in den Wintergarten im neunten Stock, bevor du dir den Rest anschaust. Die meisten Besucher kommen nie über den dritten Stock hinaus – das Atrium ist deshalb oft fast leer, selbst wenn unten viel Betrieb herrscht.
- Die dekorativen Eulen an der Fassade sind von der Straße aus viel größer, als sie wirken. Geh auf die gegenüberliegende Seite der Ida B. Wells Drive, um die beste Sicht auf die komplette Fassade und die beeindruckende Dachsilhouette zu bekommen.
- Die Bibliothek bietet regelmäßig kostenlose öffentliche Veranstaltungen an – Autorengespräche, Filmvorführungen und Kulturprogramme. Schau vor deinem Besuch im Veranstaltungskalender der Chicago Public Library nach; mit etwas Planung kannst du deinen Besuch mit einem kostenlosen Abendprogramm verbinden.
- Im Winter ist das Gebäude eine echte Wohltat: warm, kostenlos und zentral gelegen. Die Lesesäle im siebten und achten Stock bieten genau die ruhige Atmosphäre, die im Loop sonst kaum zu finden ist.
- Das Gebäude liegt einen Block östlich der erhöhten CTA-Strecke auf dem Wabash. Wenn du auf dem Bahnsteig auf die Brown oder Orange Line wartest, schau nach Süden – die verzierte Dachsilhouette der Bibliothek ist von dort klar zu sehen.
Für wen ist Harold Washington Library Center geeignet?
- Architekturbegeisterte, die sich für postmodernes Design und Chicagos Baugeschichte interessieren
- Alleinreisende, die einen kostenlosen, ruhigen Ort suchen, um die Stadt auf sich wirken zu lassen
- Budgetbewusste Besucher, die ein wirklich beeindruckendes Interieur ohne Eintritt erleben möchten
- Familien mit älteren Kindern, die eine der größten Kinderbibliotheksabteilungen des Landes entdecken wollen
- Reisende, die bei extremem Wetter Schutz suchen – der Loop kann kalt und nass werden, und dieses Gebäude bietet kostenlosen, würdevollen Unterschlupf
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in The Loop:
- Art Institute of Chicago
Eines der größten und meistbesuchten Kunstmuseen der USA, das Art Institute of Chicago, prägt den östlichen Rand des Loop mit einer Sammlung von über 300.000 Werken aus 5.000 Jahren. Von Georges Seurats pointilistischem Meisterwerk bis zu Grant Woods American Gothic – allein die Highlights füllen locker einen halben Tag.
- Buckingham Fountain
Der Clarence Buckingham Memorial Fountain gehört zu den größten Zierbrunnen der Welt und liegt seit 1927 im Herzen des Grant Park. Der Eintritt ist kostenlos – während der Saison von Frühling bis Mitte Oktober gibt es stündliche Wassershows und eine abendliche Lichtshow, die Besucher aus der ganzen Stadt anzieht.
- Chicago Architecture Center
Das Chicago Architecture Center befindet sich in Mies van der Rohes One Illinois Center direkt am Chicago River und bietet knapp 930 Quadratmeter Ausstellungsfläche, ein beeindruckendes Stadtmodell im Maßstab und Zugang zu einigen der informativsten Architekturtouren des Landes. Der beste Ausgangspunkt, um zu verstehen, warum Chicagos Skyline zu den bedeutendsten der Welt gehört.
- Chicago Architecture Foundation Flusskreuzfahrt
Die Flusskreuzfahrt des Chicago Architecture Center an Bord der Chicago's First Lady ist der kompetenteste Weg, Chicagos Skyline wirklich zu verstehen. In 90 Minuten führen ausgebildete Guides durch mehr als 40 Landmark-Gebäude entlang aller drei Arme des Chicago River – und erklären, warum die Stadt so aussieht, wie sie aussieht.