Highgate Cemetery: Londons atmosphärischster viktorianischer Friedhof
1839 als einer von Londons „Magnificent Seven"-Friedhöfen eröffnet, vereint der Highgate Cemetery gotische viktorianische Architektur, verwildertes Waldgelände und die Gräber einiger der bekanntesten Persönlichkeiten der Geschichte. Der östliche Teil ist für unabhängige Besucher zugänglich; der wildere Westteil ist nur mit einer im Voraus gebuchten Führung zu besichtigen.
Fakten im Überblick
- Lage
- Swain's Lane, Highgate, London N6 — direkt neben dem Waterlow Park
- Anfahrt
- Archway (Northern Line), dann ca. 15 Minuten zu Fuß; oder Bus C11 bis Haltestelle Brookfield Park an der Swain's Lane
- Zeitbedarf
- 1,5–2,5 Stunden für beide Friedhofsteile; plane 30 Minuten mehr ein, wenn du eine Führung durch den Westteil buchst
- Kosten
- Ostteil: kostenpflichtig; Westteil: Führungsticket (online buchbar). Aktuelle Preise unter highgatecemetery.org
- Am besten für
- Geschichtsbegeisterte, Architekturliebhaber, Fotografen und alle, die Ruhe und verwunschene Waldorte zu schätzen wissen
- Offizielle Website
- highgatecemetery.org

Was der Highgate Cemetery wirklich ist
Der Highgate Cemetery ist keine Touristenattraktion, die zufällig Gräber hat. Er ist ein aktiver, in Betrieb befindlicher Friedhof, der von den Friends of Highgate Cemetery Trust verwaltet wird – und die Atmosphäre spiegelt das wider. Besucher kommen, um zwischen rund 170.000 Bestatteten in etwa 53.000 Gräbern zu wandeln, die auf einem Nordhänge in London verteilt sind und seit fast zwei Jahrhunderten langsam von Efeu, Füchsen und altem Baumbestand zurückerobert werden.
Das Gelände ist durch die Swain's Lane in zwei klar getrennte Hälften geteilt. Der 1860 eröffnete Ostteil ist der zugänglichere: Besucher können ihn mit einem bezahlten Ticket eigenständig betreten, in ihrem eigenen Tempo spazieren und das Grab von Karl Marx finden, ohne etwas im Voraus buchen zu müssen. Der ursprüngliche Westteil, der 1839 eröffnet wurde, ist ausschließlich mit einer Führung zugänglich. Er ist älter, dichter bewachsen, wilder – und gilt weithin als der beeindruckendere der beiden.
💡 Lokaler Tipp
Führungen durch den Westteil sind schnell ausgebucht, besonders an Wochenenden. Buch deine Führung rechtzeitig online unter highgatecemetery.org. Tickets für den Ostteil können in der Regel vor Ort gekauft werden – zu Stoßzeiten empfiehlt sich jedoch auch hier eine Online-Buchung im Voraus.
Der Westteil: Gotische Architektur im Unterholz
Der Westteil ist genau jener Teil, den Fotos selten wirklich einfangen. Die Bilder, die online kursieren, betonen meist die spektakulärsten Elemente: die Egyptian Avenue mit ihrem Lotussäulentor und den in den Hang gehauenen Gruftöffnungen; den Circle of Lebanon, einen kreisförmigen Katakombenpfad um eine uralte Zeder; die Terrace Catacombs, lange backsteingesäumte Gänge mit eisernen Grufttüren im Hang. Diese Bauwerke sollten viktorianische Besucher mit der Beständigkeit des Steins und der Würde des Todes beeindrucken.
Was Fotos kaum vermitteln können, ist das Ausmaß, in dem die Vegetation alles überwuchert hat. Wurzeln drängen durch das Mauerwerk. Efeu hat Gruftdeckel aufgebrochen. Bäume sind durch die Dächer von Mausoleen gewachsen. Der Eindruck ist nicht genau der von Vernachlässigung, sondern eher der, dass die Natur im Zeitlupentempo über menschlichen Ehrgeiz triumphiert. Diese Spannung zwischen der geplanten Pracht des Layouts von 1839 und dem jahrzehntelangen organischen Wachstum verleiht dem Westteil seine ganz eigene Textur.
Die Führungen, geleitet von geschulten Ehrenamtlichen, dauern in der Regel etwa 75 Minuten und umfassen die wichtigsten architektonischen Besonderheiten, verwoben mit Geschichten über die dort bestatteten Menschen. Die Gruppengrößen sind begrenzt, sodass sich das Erlebnis durchdacht und nie überfüllt anfühlt. Die Guides sind in der Regel gut vertraut mit der Architektur und der Sozialgeschichte der viktorianischen Einstellung zu Tod und Totengedenken.
ℹ️ Gut zu wissen
Fotografieren ist im Westteil während der Führungen erlaubt, Stative und Blitz sind jedoch in der Regel nicht gestattet. Das Morgenlicht bei Wochentagsführungen liefert die klarsten Aufnahmen durch das Blätterdach.
Der Ostteil: Karl Marx und ein langer Spaziergang zwischen den Gräbern
Der Ostteil ist architektonisch weniger dramatisch als sein Pendant jenseits der Straße, belohnt aber Besucher, die sich Zeit nehmen. Das Gelände ist offener, die Wege besser navigierbar, und die Gräber erstrecken sich über einen längeren Zeitraum. Der meistbesuchte Ort ist das Karl-Marx-Denkmal: eine große Bronzebüste von Marx auf einem hohen Steinsockel, eingraviert mit Zeilen aus dem Kommunistischen Manifest. Es zieht Besucher aus aller Welt an – zu bestimmten Tageszeiten findet man Menschen, die es fotografieren, Blumen niederlegen oder einfach still davor stehen.
Weitere bemerkenswerte Gräber sind die der Schriftstellerin George Eliot, des Chemikers Michael Faraday und – jüngeren Datums – von Douglas Adams, dem Autor von Per Anhalter durch die Galaxis. An Adams' Grab legen Besucher gerne Kugelschreiber nieder – ein kleiner, aber überraschend berührender Tribut. Am Eingang gibt es einen Lageplan mit den wichtigsten Gräbern, den man sich unbedingt mitnehmen sollte.
Der Ostteil grenzt an den Waterlow Park, eine ruhige öffentliche Grünanlage, die sich als natürliche Ergänzung des Besuchs anbietet. Nach dem Verlassen des Friedhofs schlendern viele Besucher durch den Park, bevor sie sich auf den Weg zur Station Archway machen. Wenn du den Nachmittag in diesem Teil von Nordlondon verbringst, liegt Hampstead Heath etwa eine Meile östlich und bietet ein ganz anderes, aber wunderbar ergänzendes Stück Londoner Grünlandschaft.
Historischer Hintergrund: Die Magnificent Seven und das viktorianische Bestattungsproblem
Der Highgate Cemetery entstand als Reaktion auf eine echte urbane Krise. In den 1830er Jahren waren Londons Kirchhöfe so überfüllt, dass sie zu einem ernsthaften Problem für die öffentliche Gesundheit wurden. Die Bestattungsgesetze der Mitte des 19. Jahrhunderts führten schließlich zur Schließung der meisten innerstädtischen Friedhöfe. Noch bevor diese Gesetzgebung in Kraft trat, rief eine private Initiative sieben große kommerzielle Friedhöfe in einem Ring um die Stadt ins Leben. Highgate war der dritte davon – 1839 von der London Cemetery Company auf einem 17 Hektar großen Gelände mit Blick über die Stadt eröffnet.
Der Architekt Stephen Geary und Landschaftsarchitekt David Ramsey gestalteten das ursprüngliche Gelände mit bewusster Dramatik: Terrassen-Katakomben, formale Alleen, ägyptisch-revivalistische Architektur, die Beständigkeit und Altertum signalisierte. Der Standort auf einem Nordhügel Londons mit altem Baumbestand und weiten Sichtachsen wurde auch wegen seiner malerischen Qualität ausgewählt. Viktorianische Familien besuchten den Friedhof sonntags als Form der besinnlichen Freizeitgestaltung – heute klingt das seltsam, war damals jedoch völlig üblich.
Im 20. Jahrhundert verfiel der Friedhof erheblich. Die London Cemetery Company wurde um 1960 faktisch aufgelöst, und Highgate litt jahrelang unter Vernachlässigung, Vandalismus und dichtem Überwuchs, der ganze Bereiche unzugänglich machte. Die Friends of Highgate Cemetery Trust wurden 1975 gegründet und sind seitdem für die Restaurierung und laufende Verwaltung des Geländes verantwortlich. Das Gelände ist heute im Register of Historic Parks and Gardens als Grade I gelistet – eine der höchsten möglichen Auszeichnungen.
Besuch zu verschiedenen Zeiten: Wie sich das Erlebnis verändert
Morgenbesuche im Ostteil sind ruhiger als Nachmittagsbesuche, besonders unter der Woche. Im Herbst und Winter fällt das Licht in einem flacheren Winkel durch das Blätterdach und verleiht den Steindenkmälern eine schärfere Klarheit. Im Sommer stehen die Bäume in vollem Laub, die Atmosphäre ist grüner und geschlossener, aber die Wege können warm werden und das Marx-Denkmal ist ab dem späten Vormittag oft von Besuchern umringt.
Die Führungen im Westteil am Morgen haben eine andere Qualität als die am Nachmittag. Der Klang trägt sich anders, wenn weniger Besucher da sind, und die Guides müssen nicht gegen den Lärm anderer Gruppen ankämpfen. Bei trockenem, bedecktem Wetter – ohne grelles Sonnenlicht – sind die Schatten in den Katakomben und unter der Zeder im Circle of Lebanon besonders stimmungsvoll. Regen muss kein Hindernis sein: Stein und Efeu speichern Feuchtigkeit auf eine Art, die Farben intensiviert, und ein nasser Wintertag mit einer kleinen Führungsgruppe kann sich ganz außergewöhnlich anfühlen.
Der Friedhof ist täglich ab 10:00 Uhr geöffnet. Die Schließzeiten variieren je nach Jahreszeit, typischerweise zwischen 16:00 und 17:00 Uhr für den Ostteil und nach den Führungszeiten für den Westteil. Schau vor deinem Besuch auf der offiziellen Website nach, besonders im Winter, wenn früher geschlossen wird.
Anreise und praktische Hinweise
Der einfachste Weg aus der Londoner Innenstadt führt über die Northern Line bis Archway, gefolgt von einem etwa 15-minütigen Spaziergang nordwärts durch die Wohnstraßen von Highgate. Der Fußweg ist angenehm, führt an viktorianischen Reihenhäusern vorbei und steigt stetig an. Der Bus C11 hält auch am Brookfield Park, näher am Friedhofseingang an der Swain's Lane.
Von King's Cross St. Pancras dauert die Fahrt mit der Northern Line bis Archway etwa 15–20 Minuten. Ein eigener Parkplatz in der Nähe existiert nicht, und Autofahren wird angesichts der engen Straßen und des begrenzten Parkraums nicht empfohlen. Bequeme, wasserdichte Wanderschuhe sind dringend anzuraten: Die Wege in beiden Friedhofsteilen sind uneben, oft abschüssig und bei Nässe rutschig. Besonders im Westteil gibt es steile Abschnitte und enge Passagen, in denen ungeeignetes Schuhwerk schnell zum echten Problem wird.
Wer ein umfangreicheres Programm in Nordlondon plant, findet im Stadtviertel Hampstead in der Nähe eine dichte Ansammlung unabhängiger Cafés, das Freud-Museum und Kenwood House – damit lässt sich problemlos ein halber oder ganzer Tag gestalten, ohne in die Innenstadt zurückzukehren.
⚠️ Besser meiden
Der Highgate Cemetery ist ein aktiver Begräbnisort. Beerdigungen finden regelmäßig statt, besonders an Wochentagvormittagen. Wenn du eine Trauerfeier bemerkst, halte Abstand und wahre die Stille. Die respektvolle Atmosphäre des Friedhofs ist ein wesentlicher Teil dessen, was ihn besuchenswert macht – bitte trag dazu bei, sie zu erhalten.
Für wen der Besuch vielleicht nichts ist
Der Highgate Cemetery bietet ein ganz bestimmtes Erlebnis, und es lohnt sich, ehrlich über seine Grenzen zu sein. Besucher mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen werden den Westteil nicht zugänglich finden, und auch Teile des Ostteils sind anspruchsvoll. Die Wege sind nicht für Rollstühle ausgelegt, und die steilen Gefälle in den älteren Bereichen des Friedhofs machen diese auch für Besucher ohne Mobilitätsprobleme zur Herausforderung.
Familien mit sehr kleinen Kindern erleben den Besuch vielleicht entspannter als Teil eines größeren Tagesausflugs, der im angrenzenden Waterlow Park beginnt oder endet – dort gibt es offene Rasenflächen und einen Spielplatz in der Nähe. Wer hauptsächlich an historischer Londoner Architektur interessiert ist und wenig Zeit hat, findet in Westminster Abbey und der St. Pauls Kathedrale beides großartige Grabmäler und historische Tiefe an einem zentralen, besser erreichbaren Standort.
Besucher, die eine polierte, gut ausgeschilderte Touristenattraktion erwarten, werden möglicherweise überrascht sein, wie unaufgeregt das Erlebnis ist. Es gibt keinen Souvenirladen im klassischen Sinne, keinen Audioguide und kaum Informationstafeln – abgesehen von dem, was die Guides bei der Westteil-Führung vermitteln, und dem Lageplan am Eingang des Ostteils. Diese Zurückhaltung ist bewusst gewählt und genau das, was den Highgate Cemetery von kommerzielleren Attraktionen unterscheidet.
Insider-Tipps
- Buch die Führung durch den Westteil lieber für einen Wochentagvormittag als für einen Samstagnachmittag. Wochenendtouren sind schnell ausgebucht, und unter der Woche ist die Atmosphäre ruhiger – weniger Gruppen, mehr Stimmung.
- Hol dir direkt am Eingang des Ostteils den Lageplan der Gräber, bevor du losläufst. Ohne ihn wirst du beim Suchen nach bestimmten Gräbern – etwa Douglas Adams oder George Eliot – auf den ähnlich aussehenden Wegen immer wieder umkehren müssen.
- Ein Besuch im Spätherbst lohnt sich besonders: Zwischen Oktober und November gibt der Laubfall Architekturdetails frei, die im Sommer verborgen bleiben. Steinerne Engel und Obelisken im Ostteil kommen ohne dichtes Blätterdach viel besser zur Geltung.
- Die Zeder im Mittelpunkt des Circle of Lebanon im Westteil soll älter als der Friedhof selbst sein. Sie ist das beeindruckendste Einzelmotiv der gesamten Tour – nimm dir mehr Zeit dafür, als die meisten Besucher es tun.
- Verlasse den Friedhof lieber durch den Waterlow Park, anstatt denselben Weg zurückzugehen. Der Park bietet schöne Ausblicke über die Stadt und ein kleines Café am Teich – ein guter Ort, um nach ein paar Stunden zwischen den Gräbern wieder durchzuatmen.
Für wen ist Highgate Cemetery geeignet?
- Geschichts- und Architekturbegeisterte, die viktorianisches Bestattungsdesign in seiner aufwendigsten Form erleben möchten
- Fotografen, die abseits der Londoner Innenstadt nach ungewöhnlichem Licht, Texturen und Motiven suchen
- Literatur- und Kulturpilger, die die Gräber von Marx, George Eliot, Douglas Adams und anderen besuchen wollen
- Besucher, die langsame, besinnliche Spaziergänge in grünen, bewaldeten Gebieten mit echter historischer Tiefe genießen
- Reisende, die London bereits kennen und abseits der großen Sehenswürdigkeiten etwas Unbekannteres entdecken möchten
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Hampstead & Highgate:
- Freud Museum London
Das Freud Museum London bewahrt das Hampstead-Haus, in dem Sigmund Freud sein letztes Lebensjahr verbrachte, nachdem er 1938 aus dem nationalsozialistisch besetzten Wien geflohen war. Sein originales Behandlungszimmer, die berühmte Couch und Tausende von Antiquitäten sind noch heute so erhalten, wie er sie hinterlassen hat – das macht dieses Haus zu einem der außergewöhnlichsten Museen Londons.
- Hampstead Heath
Hampstead Heath ist ein weitläufiges, uraltes Heideland hoch über Nordlondon – mit Panoramablick auf die Skyline, Freibädern im Freien, altem Baumbestand und offenen Wiesen. Der Eintritt ist kostenlos, und von der Londoner Innenstadt brauchst du etwa 30 bis 45 Minuten. Es ist einer der wenigen Orte in der Stadt, wo man sich in einer Landschaft verlieren kann, die sich ungeplant und ungehetzt anfühlt.
- Kenwood House
Kenwood House ist eine wunderschön restaurierte neoklassizistische Villa am Nordrand des Hampstead Heath – mit einer der besten kostenlosen Kunstsammlungen Londons. Von Rembrandt-Selbstporträts bis hin zu weitläufigen Parkanlegen lohnt sich der Besuch für alle, die Kultur ohne Gedränge und ohne Eintritt suchen.