Cretto di Burri: Das Betonleichentuch über einer verlorenen sizilianischen Stadt
Das Grande Cretto di Gibellina ist eines der größten Land-Art-Werke der Welt: 85.000 Quadratmeter weißer Beton, der die Ruinen einer Stadt einschließt, die beim Belice-Erdbeben 1968 zerstört wurde. Vom Künstler Alberto Burri geschaffen, ist es zugleich Grabmal, Mahnmal und ein Gang durch die Abwesenheit. Der Eintritt ist frei, das Gelände ist offen zugänglich – aber ohne Auto kommt man kaum hin.
Fakten im Überblick
- Lage
- Ruinen von Alt-Gibellina, Provinz Trapani, Sizilien – nahe der SS119, zwischen Santa Ninfa und Salaparuta
- Anfahrt
- Am besten mit dem Auto; Ausfahrt A29 Richtung Gibellina nehmen und den Schildern zum Cretto folgen. Der öffentliche Nahverkehr ist sehr eingeschränkt – ein Auto ist die einzig praktikable Möglichkeit.
- Zeitbedarf
- 1,5 bis 2,5 Stunden, inklusive Spaziergang durch die Gänge und Blick vom umliegenden Hügel
- Kosten
- Kostenlos – das Cretto ist ein Freiluftgelände ohne Eintritt oder Absperrung. In der Nähe gibt es ein Interpretationsmuseum; aktuelle Eintrittspreise bitte vor Ort erfragen.
- Am besten für
- Architekturbegeisterte, Fans zeitgenössischer Kunst, Reisende mit Vorliebe für stille oder meditative Erlebnisse, Fotografen

Was ist das Cretto di Burri?
Auf einem trockenen sizilianischen Hügel in der Provinz Trapani breitet sich eine riesige weiße Form wie ein gerissener Gletscher über die Landschaft aus. Das ist das Grande Cretto di Gibellina – das monumentale Land-Art-Werk des Künstlers Alberto Burri als Mahnmal für die Stadt Gibellina, die beim Belice-Erdbeben vom 15. Januar 1968 vollständig zerstört wurde. Das Erdbeben tötete über 200 Menschen und verwandelte ein ganzes Tal voller Ortschaften in Trümmer.
Burris Antwort darauf war in ihrer Schlichtheit radikal: Statt den Schutt wegzuräumen und neu anzufangen, ließ er weißen Beton über die Überreste der alten Stadt gießen und bewahrte so das Straßennetz darunter. Die schmalen Gänge zwischen den Betonblöcken folgen exakt dem Grundriss der früheren Straßen und Gassen – durch das Cretto zu gehen bedeutet also im wörtlichen Sinne, durch das Gespenst einer verschwundenen Stadt zu wandeln.
Die Ausmaße lassen sich mit Fotos kaum erfassen. Das Bauwerk bedeckt rund 85.000 Quadratmeter Hügelfläche und gehört damit zu den größten Land-Art-Werken, die je irgendwo auf der Welt entstanden sind. Die Betonwände sind etwa 1,60 Meter hoch – knapp über Augenhöhe –, sodass die umliegende Landschaft verschwindet, sobald man die Gänge betritt, und man von weißer Stille umschlossen wird.
Die Geschichte hinter dem Beton
Das Erdbeben im Belice-Tal traf in den frühen Morgenstunden, als die meisten Bewohner schliefen. Vierzehn Gemeinden in Westsizilien wurden beschädigt oder zerstört. Gibellina gehörte zu den am schlimmsten betroffenen Orten: Die alte Bergstadt wurde für unbewohnbar erklärt, und ihre überlebende Bevölkerung wurde schließlich in eine eigens errichtete Ersatzsiedlung umgesiedelt – Gibellina Nuova, etwa elf Kilometer entfernt auf dem Talboden.
Gibellina Nuova wurde zu einem ungewöhnlichen Experiment in öffentlicher Kunstförderung. Der damalige Bürgermeister beauftragte bedeutende italienische und internationale Künstler, zur Architektur und den öffentlichen Räumen der neuen Stadt beizutragen – das Ergebnis ist ein seltsames Freilichtmuseum der Moderne aus den 1970er und 1980er Jahren. Doch der alte Standort, dem Verfall überlassen, wurde zum Schauplatz von Burris bedeutendstem Werk.
Burri entwickelte das Cretto-Konzept 1984 und 1985, der Bau begann 1985. Finanzierungsengpässe stoppten die Arbeiten 1989, als etwa ein Drittel der geplanten Fläche noch nicht fertiggestellt war. Das Projekt blieb fast drei Jahrzehnte lang unvollendet – eine Tatsache, die einem Mahnmal über Unvollständigkeit und Verlust eine eigene, unbeabsichtigte Bedeutungsebene verlieh. Die Arbeiten wurden schließlich wieder aufgenommen, und das Cretto wurde 2015 fertiggestellt, im Centenniumsjahr von Burris Geburt.
ℹ️ Gut zu wissen
Alberto Burri (1915–1995) war einer der bedeutendsten italienischen Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts, bekannt für Werke aus Industriematerialien: Jutesäcke, Teer, Plastik und verbranntes Holz. Das Cretto überträgt diese materielle Sprache in den Landschaftsmaßstab und verwendet Beton so, wie seine früheren Werke gebrauchte Stoffreste verwendeten: um zu bedecken, zu bewahren und Abwesenheit sichtbar zu machen.
Wie sich der Besuch wirklich anfühlt
Mit dem Auto ankommend, erscheint das Cretto von der Straße aus als weiße Masse auf dem Hügel – abstrakt und irritierend vor dem trockenen sizilianischen Gestrüpp. Aus der Distanz wirkt es fast wie ein geologisches Gebilde, ein Steinbruch oder ein Felsvorsprung aus hellem Gestein. Das tatsächliche Ausmaß erschließt sich erst beim Näherkommen zu Fuß.
Sobald man die Gänge betritt, verändert sich die Atmosphäre vollständig. Die Betonwände zu beiden Seiten dämpfen Geräusche und erzeugen eine Stille, die wie beabsichtigt wirkt. Die Betonoberfläche ist rau und verwittert, gezeichnet von Jahrzehnten aus Regen und Sonne. Im Sommer strahlen die weißen Flächen Hitze ab, und die engen Gänge stauen warme Luft. Das Ergebnis ist körperlich unangenehm – auf eine Art, die irgendwie angemessen wirkt: Das hier ist kein Ort, der auf Bequemlichkeit ausgelegt ist.
Die Gänge variieren in ihrer Breite. Manche sind breit genug, dass zwei Personen nebeneinander gehen können; andere verengen sich auf eine Schulterbreite. Manche enden abrupt vor einer geschlossenen Wand. Andere öffnen sich zu kleinen, erweiterten Räumen, die früheren Piazzas oder Kreuzungen entsprechen. Wer das Muster kennt, kann die Logik des alten Straßennetzes ablesen. Wer es nicht kennt, erlebt das Ganze als Labyrinth.
Der Boden ist abschüssig und uneben, dem ursprünglichen Hügelgelände folgend. Festes Schuhwerk mit gutem Profil ist dringend empfohlen. Das Gelände hat keine interne Beschilderung, keine Informationstafeln innerhalb des Cretto und kein Personal vor Ort. Besonders werktags morgens wird man es meist weitgehend für sich haben.
⚠️ Besser meiden
Die Zugänglichkeit ist sehr eingeschränkt. Das Gelände ist im Freien, abschüssig und unregelmäßig. Die Gänge sind schmal – ohne Rampen, Geländer oder barrierefreie Wege. Für Besucher mit eingeschränkter Mobilität, Kinderwagen oder Rollgepäck ist der Großteil des Innenbereichs nicht zugänglich.
Die beste Reisezeit
Das Cretto ist ein Freiluftgelände ohne Eintritt und ohne Tor. Es ist tagsüber zugänglich. Frühmorgens im Frühling oder Herbst bietet sich das schönste Erlebnis: Die tief stehende Sonne trifft die Kanten der Betonblöcke und wirft lange Schatten durch die Gänge, was die Geometrie und Tiefe des Werks auf eine Art betont, die das flache Mittagslicht nicht leistet.
Sommerbesuche zwischen Ende Juni und August erfordern Planung. Der weiße Beton verstärkt die Hitze erheblich, und um die Mittagszeit werden die Gänge unangenehm heiß. Bring ausreichend Wasser mit, trag eine Kopfbedeckung und überlege, ob du vor 9 Uhr oder nach 17 Uhr anreisen kannst. Sonnenschutz ist unverzichtbar: Innerhalb des Cretto gibt es nirgends Schatten.
Oktober und November bieten stabiles Wetter und oft dramatische Himmel mit Sturmstimmung, die zum düsteren Charakter des Ortes passt. Frühlingsbesuche im April und Mai sind angenehm – der umliegende Hügel zeigt dann sattgrünes Saisongrün, bevor die Sommerhitze alles in Ocker und Braun verwandelt.
Wer eine größere Westsizilien-Route plant, kann das Cretto gut mit einem Besuch des Archäologischen Parks Selinunt im Süden oder der Salinen bei Trapani im Nordwesten verbinden – beide mit dem Auto in unter einer Stunde erreichbar. Unsere Tipps zur Erkundung Siziliens mit dem Auto helfen bei der Routenplanung.
Fotografieren und Aussichtspunkte
Das bekannteste Bild des Cretto ist die Vogel- oder Erhöhungsperspektive, die die gerissene weiße Fläche über den Hügel zeigt – die Risse zeichnen den Geist des alten Stadtgrundrisses nach. Diese Sicht lässt sich von innen zu Fuß nicht erzielen. Um das Cretto von oben zu sehen, hält man auf den Hügelstraßen ringsum Ausschau nach Aussichtspunkten, wenn man mit dem Auto ankommt. Einige erhöhte Haltemöglichkeiten entlang der SS119 bieten die Perspektive, die auf den meisten Fotos zu sehen ist.
In den Gängen selbst belohnt die Fotografie Geduld. Das Wechselspiel von Licht und Schatten auf den Betonwänden verändert sich im Tagesverlauf dramatisch. Weitwinkelobjektive erfassen die Enge der schmalen Korridore. Ein langer Gang, aufgenommen in Richtung einer fernen Öffnung mit dem blauen sizilianischen Himmel am Ende, ist eine der eindrucksvollsten Kompositionen, die der Ort bietet.
Drohnenflüge unterliegen den Vorschriften der italienischen Zivilluftfahrtbehörde. Bitte die aktuellen Regeln vor dem Mitbringen einer Drohne prüfen – ungenehmigte Flüge über Kulturdenkmälern können mit Bußgeldern geahndet werden.
Der größere Kontext: Gibellina und das Belice-Tal
Das Cretto steht nicht für sich allein. Gibellina Nuova, die Ersatzstadt, liegt nur eine kurze Fahrt entfernt und ist einen kurzen Abstecher wert, wenn zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum dich interessiert. Sie enthält Werke bedeutender Künstler jener Ära, auch wenn die Stadt selbst etwas Verödetes hat – unterbevölkert und architektonisch unvollendet –, was ihr eine ganz eigene, unbeabsichtigte Poesie verleiht.
Das gesamte Belice-Tal trägt an mehreren Stellen noch die Spuren des Erdbebens. Andere betroffene Orte haben unterschiedliche Wege eingeschlagen: Manche wurden an Ort und Stelle wiederaufgebaut, manche umgesiedelt, manche sind teilweise verlassen geblieben. Die Landschaft dieser Ecke Westsiziliens ist durch jene eine Januarnacht 1968 geprägt – auf eine Art, die noch heute lesbar ist, wenn man weiß, wonach man sucht.
Wer sich für Siziliens vielschichtige Kulturlandschaft interessiert, möchte vielleicht auch weitere Facetten der Region erkunden. Der große Sizilien-Reiseführer deckt das gesamte Spektrum der Insel ab – von griechischen Antikentempeln bis zu barocken Bergstädten. Für Westsizilien ist Trapani die praktischste Ausgangsbasis für einen Besuch des Cretto.
Wer den Besuch lieber zweimal überdenken sollte
Das Cretto ist kein komfortabler oder klassisch malerischer Ort. Es gibt kein Café, keinen Schatten, keine Toiletten und keine Informationsmaterialien vor Ort – du bringst dein Wissen selbst mit. Wer ein klassisches sizilianisches Kulturerlebnis erwartet oder mit Kleinkindern reist, die Abwechslung und Aktivität brauchen, wird hier womöglich nicht auf seine Kosten kommen. Zudem ist der Ort ohne Auto kaum zu erreichen, was ihn für Reisende, die ausschließlich auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind, unpraktisch macht.
Wer sich von Land Art bewegen lässt, von Architektur, die schwieriger Geschichte begegnet, oder von der besonderen Atmosphäre von Orten, die um Abwesenheit herum gebaut sind, wird das Cretto als tiefgründig empfinden. Aber es verlangt einen Zeit- und Kraftaufwand, den nicht jede Sizilien-Route aufbringen kann.
Insider-Tipps
- Geh zunächst einmal außen um das Cretto herum, bevor du die Gänge betrittst. Der äußere Rand gibt dir ein Gefühl für die Gesamtgröße und hilft dir, den inneren Aufbau zu verstehen, bevor die Wände dich einhüllen.
- Von den Hügelstraßen ringsum hat man erhöhte Aussichtspunkte, von denen die gerissene weiße Oberfläche als Ganzes sichtbar wird – etwas, das von innen schlicht unmöglich ist. Fahr langsam die Zufahrtsstraße entlang und achte auf geeignete Haltestellen.
- Bring mehr Wasser mit als du glaubst zu brauchen, besonders im Sommer. Es gibt keinerlei Einrichtungen vor Ort: keine Toiletten, keine Automaten, keinen Schatten. Die nächsten Versorgungsmöglichkeiten gibt es in Santa Ninfa oder Salaparuta.
- Wenn möglich, besuche das Cretto an einem Werktag morgens. Das Gelände zieht deutlich weniger Besucher an als Siziliens große Attraktionen – aber an Sommerwochenenden nachmittags kommen organisierte Reisegruppen, die die Stille zerstören, auf der das Werk lebt.
- Das nahe gelegene Museo del Grande Cretto di Gibellina bietet historischen und künstlerischen Kontext. Aktuelle Öffnungszeiten und eventuelle Eintrittspreise am besten vor dem Besuch lokal erfragen.
Für wen ist Cretto di Burri geeignet?
- Fans zeitgenössischer Kunst und Land Art, die mit Burris Gesamtwerk vertraut sind
- Architekturinteressierte Reisende, die Orte suchen, an denen Gestaltung auf Geschichte trifft
- Fotografen, die klare, grafische Kompositionen und ungewöhnliche Motive suchen
- Reisende, denen die klassischen sizilianischen Touristenziele zu überlaufen sind und die etwas wirklich Außergewöhnliches erleben wollen
- Alle, die sich dafür interessieren, wie Gemeinschaften und Künstler auf Katastrophen und kollektives Trauma reagieren
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Trapani & der Westen:
- Cave di Cusa
Cave di Cusa ist ein knapp zwei Kilometer langer Freiluft-Steinbruch im Westen Siziliens, wo griechische Steinmetze im Jahr 409 v. Chr. mitten in ihrer Arbeit aufhörten und gewaltige Säulentrommeln im Kalkstein zurückließen. Als Teil des Archäologischen Parks Selinunte gehört er zu den stimmungsvollsten und am wenigsten besuchten antiken Stätten Italiens.
- Favignana
Favignana ist die größte der Ägadischen Inseln vor Westsizilien – eine kompakte Kalksteininsel mit kristallklaren Buchten, einer beeindruckenden Thunfischfangtradition und einem so flachen Gelände, dass du sie an einem Tag per Fahrrad umrunden kannst. Mit dem Tragflügelboot von Trapani bist du in etwa 30–40 Minuten da, und Eintritt wird keiner erhoben.
- Marettimo
Marettimo ist die westlichste der Ägadischen Inseln vor Siziliens Küste – autofrei, mit Kalksteingipfeln, Meereshöhlen und Wasser, das fast unwirklich klar ist. Erreichbar nur per Tragflügelboot oder Fähre von Trapani, belohnt die Insel alle, die auf Bequemlichkeit verzichten und dafür eines der unkommerziellsten Inselerlebnisse Italiens erleben wollen.
- Marsala
Marsala liegt an der westlichsten Spitze Siziliens auf dem Kap Capo Boeo – ein Ort, an dem karthagische Geschichte, arabischer Einfluss und die italienische Einigung in einer einzigen, gut zu Fuß erkundbaren Stadt aufeinandertreffen. Abseits des berühmten Weins erwarten dich römische Mosaike, ein punisches Kriegsschiff, im Sonnenuntergang leuchtende Salinen und ein Piazza-Leben, das seinem ganz eigenen, ungehetzten Rhythmus folgt.