Tacchi d'Ogliastra: Sardiniens uralte Kalksteintürme
Die Tacchi d'Ogliastra sind eine Reihe dolomitischer Kalksteinplateaus, die dramatisch aus dem bergigen Inneren Ostsardiniens aufragen. Der Zutritt ist kostenlos, die Geschichte reicht bis in die Nuraghen-Zeit zurück, und die Wanderwege reichen von moderat bis anspruchsvoll – wer die Küste hinter sich lässt, wird reich belohnt.
Fakten im Überblick
- Lage
- Ogliastra, Ostsardinien – verteilt über mehrere Gemeinden, darunter Gairo, Ulassai, Osini, Ussassai, Jerzu und Seui
- Anfahrt
- Mit dem Auto vom Flughafen Cagliari Elmas (CAG), ca. 1,5–2 Stunden ins Innere der Ogliastra; manche geführten Touren starten in Tortolì (Piazza Fra' Locci)
- Zeitbedarf
- Rund 3 Stunden für eine repräsentative Einzelroute; ganzer Tag oder mehrere Tage, wenn du mehrere Tacchi erkunden möchtest
- Kosten
- Freier Zugang zum Naturgebiet; geführte Ausflüge auf Anfrage bei lokalen Anbietern
- Am besten für
- Wanderer, Geologiebegeisterte, Nuraghen-Fans, Fotografen
- Offizielle Website
- www.sardegnasentieri.it/en/tacchi-dogliastra

Was sind die Tacchi d'Ogliastra?
Die Tacchi d'Ogliastra sind eine Reihe isolierter dolomitischer Kalksteinplateaus, die sich über das bergige Innere Ostsardiniens verteilen. Ihr Name stammt vom sardischen Wort für Schuhsohle – und wenn man sie aus der Ferne sieht, erschließt sich der Vergleich sofort: Jede Formation steigt abrupt aus der Umgebung auf, oben flach, seitlich senkrecht, wie ein Schuhsohlenabschnitt, der sauber aus der Erde gehoben wurde. Es handelt sich nicht um einen einzelnen Ort, sondern um ein geomorphologisches System, das sich über mehrere Gemeinden erstreckt, darunter Gairo, Ulassai, Osini, Ussassai, Jerzu und Seui.
Geologisch gesehen ruhen die Tacchi auf einem Sockel aus paläozoischen Silur-Schiefern, die vor Hunderten von Millionen Jahren entstanden sind, überlagert von mesozoischen Kalksteinablagerungen. Das Zusammenspiel dieser beiden Gesteinsarten – das eine uralt und kristallin, das andere jünger und löslich – hat die heute sichtbaren, markanten Erosionsmuster geprägt: senkrechte Steilwände, tiefe Schluchten und die charakteristischen Plateaugipfel, die jeden Taccu aus seiner Umgebung herausheben.
ℹ️ Gut zu wissen
Es gibt keine Eingangstore, Kassenhäuschen oder festen Öffnungszeiten. Die Tacchi d'Ogliastra sind freies Naturgelände, das zu Fuß jederzeit zugänglich ist. Wer Geld ausgibt – falls überhaupt –, zahlt für eine geführte Tour. Gerade für Erstbesucher ist das angesichts fehlender Beschilderung auf manchen Routen gut investiertes Geld.
Vor Ort: Was dich erwartet
Schon die Anfahrt zu den Tacchi ist ein Erlebnis. Die SS389 und die anschließenden Gebirgsstraßen schlängeln sich durch Eichen- und Korkeichenwälder, bevor die Kalksteinformationen plötzlich über der Baumgrenze auftauchen – blass-grau vor dem Himmel. Am frühen Morgen liegt manchmal Nebel in den Tälern, während die Plateaukanten bereits das erste Licht einfangen. Eine Fotogelegenheit, die sich schnell erledigt, sobald die Sonne vollständig aufgegangen ist.
Auf den Wegen selbst ist das Gelände uneben und erfordert Aufmerksamkeit. Maultierpfade und alte Karrenspuren bilden das Rückgrat der meisten Routen, mit losem Kalksteinuntergrund und gelegentlichen steilen Kletterpassagen nahe der Gipfelbereiche. Die Stille ist bemerkenswert: Abseits der Straße hört man vor allem Wind, das Kratzen der Sohlen auf Stein und im Frühling die Rufe der Greifvögel, die in den Felswänden nisten. Die Luft riecht nach wilden Kräutern – Rosmarin und Thymian wachsen aus den Felsritzen – und im Sommer nach dem trockenen, mineralischen Staub, der mit jedem Schritt aufwirbelt.
Eine der bekanntesten Formationen im System ist Perda Liana in der Gemeinde Gairo. Dieser freistehende, hohe Kalksteinturm zieht Wanderer an und wird im weiteren Umfeld gelegentlich auch zum Klettern genutzt. Er dient als guter Orientierungspunkt und taucht in Wegbeschreibungen häufig als Landmarke oder eigenständiges Ausflugsziel auf.
Geschichte in Stein: Nuraghen-Siedlungen auf den Tacchi
Die Tacchi sind nicht nur ein geologisches Highlight. Auf den Plateaugipfeln und den umliegenden Hängen finden sich zahlreiche Nuraghen-Siedlungen, darunter Stätten wie Serbissi, Sanu, Urceni, Mela, Is Cocorronis, Pranu und Su Samuccu. Es sind Überreste jener Bronzezeit-Zivilisation, die zwischen etwa 1800 und 500 v. Chr. Tausende von Steintürmen auf Sardinien errichtete. Einen guten Überblick über diese Zivilisation und ihre erhaltenen Bauwerke auf der ganzen Insel bietet der Reiseführer zu Sardiniens Nuraghen-Stätten.
Dass die Nuraghen-Bewohner ausgerechnet die Tacchi siedelten, ist kein Zufall. Die Plateaukanten boten natürliche Verteidigungspositionen, Sichtweite über die umliegenden Täler und Zugang zu Frischwasserquellen in der Tiefe. Wer durch diese Bereiche wandert, stößt vielleicht auf niedrige Steinmauern oder kreisförmige Fundamente, die halb im Buschwerk verschwunden sind. Wer nicht gezielt sucht, übersieht sie leicht – ein guter Grund, warum geführte Touren hier echten Mehrwert bieten.
💡 Lokaler Tipp
Wer sich für nuragische Archäologie begeistert, sollte einen Besuch der Tacchi mit dem archäologischen Erbe der Ogliastra verbinden. Die kleinen Dörfer im Landesinneren sind wenig überlaufen, und die Begegnungen mit Einheimischen sind dadurch authentischer als an größeren Sehenswürdigkeiten.
Wann besuchen – und wie das Wetter das Erlebnis beeinflusst
Das Innere der Ogliastra hat ein mediterranes Klima, aber in der Höhe ist es spürbar kühler als an der Küste. Die Sommerhitze in den Bergen ist erträglicher als die 30–38 °C, die an der Küste üblich sind – trotzdem macht die Mittagshitze von Juli bis August lange Wanderungen anstrengend. Die besten Wandermonate sind Mai, Juni, September und Oktober: moderate Temperaturen, grüne Vegetation und weiches Licht für Fotos. Einen detaillierten Überblick über die saisonalen Bedingungen auf ganz Sardinien bietet der Reiseführer zur besten Reisezeit für Sardinien mit einer Monatsübersicht.
Im Winter ist ein Besuch zwar möglich, birgt aber Risiken: Regen macht die Kalksteinpfade rutschig, und manche Karrenspuren werden unpassierbar. Zwischen November und März sind die Tacchi kaum besucht, und viele Anbieter geführter Touren arbeiten saisonal – manche nur an bestimmten Tagen von Mai bis Oktober.
Im Spätsommer, besonders im August, können sich nachmittags rasch Gewitter über dem Landesinneren zusammenbrauen. Wer dann auf einem Plateaugipfel steht, ist ungeschützt – das ist kein theoretisches Risiko. Starte früh – spätestens um 7:00 oder 8:00 Uhr im Hochsommer – und plane, das Hochgelände am frühen Nachmittag verlassen zu haben.
⚠️ Besser meiden
Das Gelände sollte man nicht unterschätzen. Die meisten Wege sind als mittelschwer eingestuft (Schwierigkeitsgrad E nach italienischer Wanderklassifikation) und für körperlich fitte Menschen ohne Bewegungseinschränkungen geeignet. Für Personen mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen sind die Tacchi nicht geeignet, und die Wegoberflächen sind nicht rollstuhlgerecht.
Anreise und praktische Hinweise
Wer die Tacchi auf eigene Faust erkunden möchte, kommt ohne eigenes Fahrzeug kaum aus. Der nächste internationale Flughafen ist Cagliari Elmas (CAG), je nach Startpunkt rund 1,5 bis 2 Stunden entfernt. Manche geführten Touren organisieren Transfers von Tortolì, der größten Stadt an der Ogliastra-Küste – eine praktische Option für Reisende ohne Auto. Wer sich generell fragt, wie man sich in Sardiniens ländlichem Inneren fortbewegt, findet Antworten im Reiseführer zur Fortbewegung auf Sardinien – mit Infos zu Mietwagen, Straßenverhältnissen und den Grenzen des öffentlichen Nahverkehrs.
Tankstellen im Inneren der Ogliastra sind rar und haben oft eingeschränkte Öffnungszeiten. Tank vollmachen, bevor du die Küste verlässt. Der Mobilfunkempfang ist in manchen Tallagen lückenhaft – lade Offline-Karten (z. B. Komoot- oder AllTrails-Routen für die Region) herunter, bevor du losfährst. Mehr Wasser mitnehmen als gedacht: Auf den Wegen selbst gibt es keine verlässlichen Versorgungspunkte.
Bei organisierten Touren wird der Treffpunkt in der Regel bei der Buchung bestätigt. Ein bewährtes Muster: Gruppen treffen sich an der Piazza Fra' Locci in Tortolì, werden dann mit dem Fahrzeug zum Ausgangspunkt gebracht und legen die eigentliche Wanderung zu Fuß unter Aufsicht eines Guides zurück.
Fotografie und Packliste
Die visuelle Wucht der Tacchi entfaltet sich am besten in den ersten zwei Stunden nach Sonnenaufgang: Schräges Licht lässt die Steilwände plastisch hervortreten, während die Täler darunter noch im Schatten liegen. Ein Weitwinkelobjektiv erfasst die Dimensionen gut, ein Teleobjektiv ist nützlich, um Felsformationen aus der Distanz herauszuarbeiten. Das Mittagslicht im Sommer ist flach und hart und lässt die Textur des Kalksteins verschwinden.
Für jeden Ausflug, der länger als eine Stunde auf den Wegen dauert, empfiehlt sich folgende Ausrüstung: mindestens 2 Liter Wasser pro Person, Sonnenschutz (Hut, Sonnencreme mit hohem Lichtschutzfaktor), feste geschlossene Schuhe mit Knöchelstütze, eine leichte Jacke gegen den Wind auf den Plateaukanten und ein kleines Erste-Hilfe-Set. Das Gelände ist alpintechnisch nicht besonders anspruchsvoll – aber ein verstauchter Knöchel weit weg von der Straße ist eine ernste Unannehmlichkeit.
Die Tacchi lassen sich gut mit anderen Highlights der Ogliastra kombinieren. Die Meeresküsten und Strände des Golfo di Orosei sind nicht weit, und die Schlucht Gola di Su Gorropu – eine der tiefsten Schluchten Europas – bietet ein ergänzendes geologisches Erlebnis. Wer eine ernsthaftere Mehrtages-Herausforderung sucht, findet im Wanderführer Sardinien Infos zu Fernwanderwegen, darunter den nahe gelegenen Selvaggio Blu an der Küste.
Für wen die Tacchi d'Ogliastra nichts sind
Wer Sardinien hauptsächlich wegen der Strände besucht und wenig Zeit hat, sollte wissen: Die Tacchi erfordern echtes Engagement – mindestens einen halben Tag inklusive Fahrtzeit, ohne Bad am Ende. Wer sich auf unebenem Berggelände unwohl fühlt oder gepflegte Besucherinfrastruktur wie asphaltierte Wege, Cafés und Toiletten vor Ort erwartet, wird von den Tacchi enttäuscht sein oder es schlicht zu anstrengend finden. Es gibt keinerlei Einrichtungen auf den Wegen.
Das Gebiet ist auch für sehr junge Kinder auf längeren Routen wenig geeignet, ebenso wenig für Menschen mit Höhenangst an den Plateaukanten. Wer in der Ogliastra vor allem für die Küste ist, ist mit den Stränden rund um Arbatax und Cala Gonone besser bedient.
Insider-Tipps
- Wer im Mai oder Anfang Juni kommt, erlebt die Plateauwiesen zwischen den Kalksteinfelsen noch in voller Blüte – mit Orchideen, die im Juli längst verschwunden sind. Das ist die fotogenste Zeit, wenn es nicht nur um dramatische Silhouetten, sondern auch um Details auf Bodennähe geht.
- Lokale Guides aus den Ogliastra-Gemeinden kennen die Nuraghen-Stätten meist viel besser als allgemeine Reiseanbieter aus Cagliari oder von der Küste. Frag gezielt nach dem Zugang zum Serbissi-Plateau – es gehört zu den archäologisch bedeutendsten Bereichen des gesamten Tacchi-Systems.
- Das Dorf Ulassai lässt sich gut mit einer Wanderung kombinieren: Die Stazione dell'Arte, gegründet von der dort geborenen Bildhauerin Maria Lai, ist eine echte kulturelle Überraschung inmitten einer ansonsten rein naturgeprägten Route.
- Straßenschilder im Landesinneren der Ogliastra können uneinheitlich oder schlicht unleserlich sein. GPS-Navigation am besten mit einer gedruckten oder heruntergeladenen Wanderkarte abgleichen – auf eine einzige Quelle solltest du dich hier nicht verlassen.
- Ein Sonnenaufgang vom Gipfel eines Taccu ist jeden frühen Start wert – aber du brauchst eine Stirnlampe für den Anstieg im Dunkeln und idealerweise jemanden, der den Weg kennt. Das ist einer der Momente, in denen ein Guide seinen Preis sofort wert ist.
Für wen ist Tacchi d'Ogliastra geeignet?
- Erfahrene Wanderer, die unberührtes, wenig überlaufenes Gelände mit echtem geologischem Charakter suchen
- Reisende mit Interesse an nuragischer und prähistorischer sardischer Archäologie
- Fotografen, die bereit sind, vor 8:00 Uhr vor Ort zu sein, um das beste Licht zu nutzen
- Roadtripper auf einer Sardinien-Rundreise durchs Landesinnere, die die Insel jenseits der Küste verstehen wollen
- Besucher, die mehrere Tage in der Ogliastra verbringen und Strand und Bergwanderungen kombinieren möchten
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Ogliastra:
- Capo Comino Dünen & Strand
Ein drei Kilometer langer Streifen aus weißem Sand und windgeformten Dünen an Sardiniens Ostküste, unweit von Siniscola. Das flache Meer, der freie Zugang und historische Schiffswracks vor der Küste machen ihn zu einem der markantesten Strände der Provinz Nuoro.
- Grotte Su Marmuri (Ulassai)
Die Grotte Su Marmuri ist eine weitläufige, lebendige Kalksteinhöhle, die in das felsige Hochland oberhalb des Dorfes Ulassai in Ogliastra im Osten Sardiniens eingebettet ist. Mit Kammern von bis zu rund 50 Metern Höhe, aktiven Stalaktitenformationen und einer konstanten Innentemperatur von 10°C bietet sie eines der beeindruckendsten Höhlenerlebnisse der Insel. Zutritt nur mit geführter Tour, Dauer ca. 1,5 Stunden.
- Parco Nazionale del Golfo di Orosei e del Gennargentu
Rund 74.000 Hektar raues Bergland, Schluchten und unberührte Küste in Ost-Sardinien – das Gebiet, das meist als Gennargentu-Nationalpark bezeichnet wird, ist das ambitionierteste Schutzgebietsprojekt der Insel. Vom höchsten Gipfel Sardiniens bis zu den senkrechten Meereskliffs des Golfo di Orosei zeigt sich hier die Insel von ihrer ursprünglichsten Seite.
- Punta La Marmora
Mit 1.834 Metern ist die Punta La Marmora der höchste Punkt Sardiniens und der Gipfel des Gennargentu-Massivs. Wer den Aufstieg wagt, wird mit Panoramablicken über das raue Inselinnere belohnt – und mit dem Gefühl, Sardinien so zu erleben, wie es die meisten Besucher nie zu Gesicht bekommen.