Parco Nazionale del Golfo di Orosei e del Gennargentu: Sardiniens wilde Mitte
Rund 74.000 Hektar raues Bergland, Schluchten und unberührte Küste in Ost-Sardinien – das Gebiet, das meist als Gennargentu-Nationalpark bezeichnet wird, ist das ambitionierteste Schutzgebietsprojekt der Insel. Vom höchsten Gipfel Sardiniens bis zu den senkrechten Meereskliffs des Golfo di Orosei zeigt sich hier die Insel von ihrer ursprünglichsten Seite.
Fakten im Überblick
- Lage
- Zentral-Ost-Sardinien, verteilt auf 27 Gemeinden in der Barbagia, dem Mandrolisai und der Ogliastra
- Anfahrt
- Kein öffentlicher Nahverkehr direkt in den Park; ein Mietwagen ist unverzichtbar. Nächstgelegene Zugangsorte sind Aritzo, Jerzu, Dorgali und Baunei
- Zeitbedarf
- Ein halber Tag für einen einzelnen Trail oder Aussichtspunkt; 3–5 Tage, um das Gebiet wirklich kennenzulernen
- Kosten
- Eintritt in den Park kostenlos; geführte Ausflüge (vor allem Bootsfahrten zu den Stränden des Golfo di Orosei) kosten extra
- Am besten für
- Wanderer, Naturfotografen und alle, die Sardinien jenseits der Küste erleben wollen
- Offizielle Website
- www.sardegnaturismo.it/en/explore/park-gulf-orosei-and-gennargentu

Was dieser Park wirklich ist
Der Parco Nazionale del Golfo di Orosei e del Gennargentu wurde 1998 gegründet und umfasst rund 739 Quadratkilometer in Ost-Sardinien. Auf dem Papier wäre er der größte Nationalpark der Insel und einer der topografisch extremsten in ganz Italien – allerdings ist der Park als Institution nie vollständig in Betrieb gegangen. Das Gebiet schließt das Gennargentu-Massiv ein, darunter die Punta La Marmora mit 1.834 Metern als höchster Punkt Sardiniens, sowie die dramatische Kalksteinküste des Golfo di Orosei im Osten, wo senkrechte Felswände direkt ins Wasser von unwirklicher Klarheit fallen.
Das ausgewiesene Parkgebiet erstreckt sich über 24 Gemeinden in drei traditionellen Teilregionen: Barbagia, Mandrolisai und Ogliastra. Das sind keine touristischen Marketingbegriffe, sondern verwaltungstechnische und kulturelle Realitäten mit je eigenem Landschaftscharakter. Das Barbagia-Hinterland ist dicht mit Steineichwäldern und Weideland bedeckt; die Ogliastra-Flanke fällt steil durch Kalksteinplateaus, durchzogen von tiefen Schluchten, Richtung Meer ab. Es gibt kein einziges Eingangstor, kein Besucherzentrum, das du passieren müsstest, und keine Kasse. Der Park ist eine Schutzzone über einer aktiven Kulturlandschaft – du wirst Schäfern, Landwirtschaftsstraßen und kleinen Dörfern ebenso begegnen wie ausgewiesenen Wanderwegen.
ℹ️ Gut zu wissen
Der Eintritt in den Park ist kostenlos. Viele der meistbesuchten Ziele – vor allem die Strände entlang des Golfo di Orosei – sind jedoch nur per Boot von Cala Gonone oder Santa Maria Navarrese erreichbar, was separate Kosten bedeutet. Das solltest du beim Budgetieren einplanen.
Das Berginnere: Der Gennargentu in der Praxis
Das Gennargentu-Gebirge sieht nicht aus wie die Dolomiten oder die Alpen. Die Gipfel sind gerundet und windgeplagt, oft ragen sie aus der Baumgrenze in offenes, von sardischen Schafen beweidetes Grasland. In den frühen Morgenstunden, besonders zwischen Oktober und April, liegen die oberen Hänge häufig im Tiefnebel, der sich gegen Vormittag auflöst und weite Ausblicke über das zentrale Hochland freigibt. Sommermorgen sind die klarsten, doch nachmittags können sich zwischen Juni und September über 1.500 Metern rasch Gewitter bilden.
Die Punta La Marmora auf 1.834 Metern ist das naheliegende Ziel für alle, die auf dem Dach Sardiniens stehen wollen. Der Aufstieg vom Gebiet Funtana Cungiada bei Fonni ist eine mäßig anspruchsvolle, größtenteils unmarkierte Wanderung über offenen Kamm. Der Gipfel selbst ist nicht dramatisch im alpinen Sinne – kein schroffer Abbruch, nur ein breites Felsplateau mit einem Vermessungsstein und an klaren Tagen Sicht auf beide Küsten. Die emotionale Wirkung kommt vom Ausmaß der Landschaft darunter, nicht vom Gipfel selbst.
Wer besser ausgeschilderte Wege bevorzugt, findet am nordöstlichen Parkrand die Gola di Su Gorropu – eine der tiefsten Schluchten Europas, vom Flumineddu-Tal zu Fuß erreichbar. Die Wände ragen bis zu 500 Meter in die Höhe, der Schluchtengrund ist mit riesigen Felsblöcken übersät. In der Trockenzeit ist sie ohne Klettertechnik zugänglich, der letzte Abschnitt erfordert jedoch Klettern über diese Brocken – bei ungeeignetem Schuhwerk ein echtes Knöchelrisiko.
Die Küstenzone: Golfo di Orosei
Die Ostgrenze des Parks trifft auf den Golfo di Orosei, einen 40 Kilometer langen Küstenbogen, an dem die als Supramonte bekannten Kalksteinplateaus in senkrechten Felswänden im Meer enden. Küstenstraßen gibt es hier keine. Die Strände – darunter Cala Luna, Cala Mariolu und Cala Goloritzè – sind nur per Boot von Cala Gonone oder auf mehrtägigen Wanderrouten erreichbar. Genau diese Unzugänglichkeit hat sie in ihrem jetzigen Zustand erhalten.
Die Cala Goloritzè, über einen steilen 90-minütigen Pfad vom Baunei-Plateau oder per Boot erreichbar, ist wohl der architektonisch beeindruckendste Strand der Insel: eine kleine Bucht mit weißem Kieselstrand, gerahmt von einem natürlichen Felsbogen und einem aus dem Wasser ragenden Pfeiler. Sie wurde 1993 zum Naturdenkmal erklärt. Der Abstieg vom Plateau bietet zunehmend dramatischere Küstenblicke und ist für fitte Wanderer bei guten Bedingungen machbar. Alle Details zu Trail und saisonalen Verhältnissen findest du in unserem ausführlichen Guide zur Cala Goloritzè.
In den Hochsommermonaten starten die Boote von Cala Gonone meist ab etwa 9 Uhr morgens, und die beliebtesten Strände sind am späten Vormittag bereits voll. Wer über den Trail kommt – was einen frühen Aufbruch vom Plateau erfordert –, erreicht die Küste in der Regel noch vor den Booten. Der Unterschied in der Atmosphäre zwischen 8 und 11 Uhr ist an diesen Stränden enorm.
⚠️ Besser meiden
Der Selvaggio Blu, eine mehrtägige Küstentrekkingroute (meist auf etwa 6–7 Tage geplant) entlang der Klippen des Golfo di Orosei, gilt als eine der technisch anspruchsvollsten Langstreckenrouten Europas. Unternimm sie nicht ohne lokalen Guide, genaue topografische Karten und Abseilerfahrung. Das ist kein Wanderweg für normale Trekker.
Tierwelt, Flora und was du wirklich sehen kannst
Im Park lebt der Sardinische Rothirsch (cervo sardo), eine endemische Unterart der Insel, die spürbar kleiner ist als ihre festländischen Verwandten. Am häufigsten sieht man ihn in der Dämmerung an den Waldrändern der Täler in der Barbagia. Außerdem gibt es Mufflons – die Wildschafe mit den geschwungenen Hörnern, die untrennbar mit dem Bild des sardischen Hochlands verbunden sind –, Wildschweine und Steinadler, die in den Kalkfelswänden des Supramonte nisten.
Im Meeresniveau beherbergen die geschützten Gewässer des Golfo di Orosei Posidonia-oceanica-Wiesen, einen wichtigen Indikator für Wasserqualität, und die Unterwasserhöhlen entlang der Küste ziehen Taucher wegen ihrer Formationen und des Fischreichtums an. Große Tümmler sind im Golf regelmäßig zu sehen. Die Mönchsrobbe, früher hier heimisch, wird in diesen Gewässern nicht mehr zuverlässig gesichtet.
Die Pflanzengemeinschaften verändern sich mit der Höhe. Das Küsten-Supramonte trägt Macchia und Wacholder bis an die Kliffkanten. In mittlerer Höhe bedeckt dichter Steineichenwald einen Großteil der Barbagia-Hügel. Über 1.400 Metern weichen die Bäume Grasland und niedrig wachsender Zistrose. Der Frühling – grob von März bis Mai – bringt Wildblumenblüten, die die unteren Hänge in leuchtende Farben tauchen. Dann ist die Landschaft am fotogensten.
Wie du deine Zeit einteilst
Der Park hat keinen einzigen logischen Ausgangspunkt. Wer von Norden kommt, quartiert sich meist in Dorgali oder Cala Gonone für den Küstenzugang ein. Wer sich auf das Berginnere konzentriert, ist in Fonni oder Aritzo besser aufgehoben. Die Ogliastra-Dörfer Baunei, Triei und Tortolì erschließen die südlichen Küstenwege. Ein Auto ist hier keine Option, sondern Pflicht: Der öffentliche Nahverkehr dringt nicht in das Parkinnere vor. Wenn du eine größere Rundreise durch die Region planst, hilft dir unser Sardinien Roadtrip-Guide mit praktischen Routenhinweisen für Ost-Sardinien weiter.
Die beste Gesamtreisezeit ist Mai bis Juni oder September bis Oktober. Juli und August bieten zuverlässiges Wetter, aber auch erheblich mehr Trubel an den Küstenzielen, extreme Hitze auf exponierten Bergpfaden (Temperaturen können in der Höhe 35 °C überschreiten) und ein erhöhtes Waldbrandrisiko im Hinterland. Im September wird das Licht weicher, die Menschenmengen nehmen ab, und das Meer ist noch warm genug zum Schwimmen. Einen umfassenden Überblick darüber, wie das Wetter die Reiseplanung auf der gesamten Insel beeinflusst, bietet der beste Reisezeit für Sardinien Guide.
Der Winter im Gennargentu ist für sardische Verhältnisse kalt: Zwischen Dezember und Februar fällt oberhalb von 1.000 Metern regelmäßig Schnee, und manche Bergstraßen werden unpassierbar. Die Küstenzone bleibt mild und wandertauglich, mit dem zusätzlichen Vorteil völliger Einsamkeit. Das Meer ist zum Schwimmen zu kalt, aber das Licht und die Stille machen die Region auch im Winter zu einem lohnenden Ziel für Wanderer.
💡 Lokaler Tipp
Wer Bergwandern und Küstenwandern in einem Trip kombinieren möchte, quartiert sich am besten in der Gegend um Dorgali ein. Von dort sind der Zugang zur Su Gorropu, die Bootsabfahrten von Cala Gonone und die Routen zum Gennargentu-Kamm alle innerhalb von 30–40 Minuten mit dem Auto erreichbar.
Praktische Hinweise
Die Beschilderung der Wege im Park variiert erheblich. Manche Routen, besonders im Supramonte, sind kaum erkennbar oder gar nicht markiert und erfordern Orientierungssinn mit topografischer Karte oder GPS-Track. Der CAI (Club Alpino Italiano) unterhält einige markierte Wege, aber verlässliche Wegweiser sind keineswegs überall garantiert. Teile jemandem deine geplante Route mit, bevor du ins Hinterland aufbrichst.
Im Berginneren gibt es Quellen, deren Wasser aber vor dem Trinken aufbereitet oder gefiltert werden sollte. In der Küstenzone gibt es für Tagesausflügler kein Süßwasser. Nimm mehr Wasser mit, als du zu brauchen glaubst – besonders in den warmen Monaten: 2–3 Liter pro Person und Tag sind das Minimum für ausgesetzte Sommertouren.
Der Handyempfang ist in Schluchten und auf abgelegenen Graten lückenhaft bis gar nicht vorhanden. Die Notrufnummer 112 gilt in ganz Italien einschließlich Sardinien, aber der Rettungsdienst braucht im tiefen Gelände unter Umständen sehr lange. Mehrere lokale Anbieter in Cala Gonone, Dorgali und Baunei bieten geführte Wanderungen und Klettertouren im Park an, was den logistischen und sicherheitstechnischen Aufwand erheblich reduziert. Für längere Routen wie den Selvaggio Blu oder mehrtägige Küstentraversierungen ist ein lizenzierter lokaler Guide keine optionale Ergänzung, sondern schlicht notwendig.
Rollstuhlzugang und Kinderwagentauglichkeit sind im Park äußerst eingeschränkt. Das Gelände ist durchgehend rau, und selbst die sanfteren Waldwege in Trailhead-Nähe sind uneben. Besucher mit eingeschränkter Mobilität sind mit Panoramafahrten zu den Aussichtspunkten auf den Hochplateau-Straßen oberhalb von Baunei oder mit Bootsausflügen entlang der Küste besser bedient – beides ermöglicht den visuellen Eindruck dieser Landschaft ohne technische Wanderung.
Insider-Tipps
- Die Hochplateau-Straße über Baunei Richtung Golgo-Ebene ist mit einem normalen PKW befahrbar und bietet außergewöhnliche Ausblicke auf das Supramonte-Küstengebiet – ganz ohne Wanderung. Die verlassene Kirche San Pietro di Golgo liegt auf einer Lichtung am Rand eines großen Dolinen und ist den kurzen Umweg absolut wert.
- Bootsausflüge von Cala Gonone zu den Golfstränden sind im Juli und August schnell ausgebucht. Buche die Morgenabfahrt mindestens einen Tag vorher direkt bei der Hafengenossenschaft und sei 20 Minuten früher am Steg. Die letzten Rückboote fahren meist am späten Nachmittag (oft gegen 17 Uhr) – wer sie verpasst, wartet sehr lange und ungemütlich an der Küste.
- Wer im Gennargentu-Hinterland wandert, sollte die Straße zwischen Fonni und Desulo nicht verpassen – eine der eindrucksvollsten Hochlandfahrten der ganzen Insel mit gestaffelten Blicken über das Massiv. Das ist echte Barbagia: Die Dörfer entlang dieser Route sind lebendige Gemeinschaften, keine Touristenziele, und in den Dorfbars gibt es ordentlichen Espresso – und sonst nichts.
- Die Frühlingsblüte auf den unteren Hängen, vor allem im April und Mai, ist spektakulär genug, um die Reise danach auszurichten. Die Küstenmacchia leuchtet mit Zistrose und Affodill, und der Kontrast mit dem blauen Wasser darunter ist bei Morgenlicht am schönsten.
- Die Grotta del Bue Marino, eine Meereshöhle, die per Boot von Cala Gonone aus erreichbar ist, liegt innerhalb der Küstenzone des Parks. Sie ist Teil eines weitverzweigten Höhlensystems und einer der wenigen Orte Sardiniens, wo man Höhlen- und Küstenlandschaft in einem einzigen kurzen Ausflug erleben kann.
Für wen ist Parco Nazionale del Golfo di Orosei e del Gennargentu geeignet?
- Erfahrene Wanderer, die echtes Berg- und Schluchtgelände suchen – nicht nur schöne Spazierwege
- Naturfotografen, besonders im Frühling für Wildblumen und im Herbst für das besondere Licht
- Reisende, die die Costa Smeralda bereits kennen und eine völlig andere Seite Sardiniens entdecken wollen
- Segler und Seekajaker, die die Küste des Golfo di Orosei erkunden
- Alle, die mehrere Tage Zeit und einen Mietwagen haben und Berge, Schluchten und Küste in einem Gebiet kombinieren möchten
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Ogliastra:
- Capo Comino Dünen & Strand
Ein drei Kilometer langer Streifen aus weißem Sand und windgeformten Dünen an Sardiniens Ostküste, unweit von Siniscola. Das flache Meer, der freie Zugang und historische Schiffswracks vor der Küste machen ihn zu einem der markantesten Strände der Provinz Nuoro.
- Grotte Su Marmuri (Ulassai)
Die Grotte Su Marmuri ist eine weitläufige, lebendige Kalksteinhöhle, die in das felsige Hochland oberhalb des Dorfes Ulassai in Ogliastra im Osten Sardiniens eingebettet ist. Mit Kammern von bis zu rund 50 Metern Höhe, aktiven Stalaktitenformationen und einer konstanten Innentemperatur von 10°C bietet sie eines der beeindruckendsten Höhlenerlebnisse der Insel. Zutritt nur mit geführter Tour, Dauer ca. 1,5 Stunden.
- Punta La Marmora
Mit 1.834 Metern ist die Punta La Marmora der höchste Punkt Sardiniens und der Gipfel des Gennargentu-Massivs. Wer den Aufstieg wagt, wird mit Panoramablicken über das raue Inselinnere belohnt – und mit dem Gefühl, Sardinien so zu erleben, wie es die meisten Besucher nie zu Gesicht bekommen.
- Rocce Rosse di Arbatax
Die Rocce Rosse di Arbatax sind eine Formation aus tiefroten Porphyrfelsen, die bis zu etwa 15 Meter aus dem Tyrrhenischen Meer aufragen – direkt an der Ogliastra-Küste Sardiniens. Der Eintritt ist kostenlos und ganzjährig möglich. Die Felsen liegen nur wenige Schritte vom Hafen und dem Bahnhof des Trenino Verde entfernt und gehören damit zu den am leichtesten erreichbaren Natursehenswürdigkeiten an der Ostküste der Insel.