Gola di Su Gorropu: Italiens tiefste Schlucht
Die Gola di Su Gorropu ist eine Karstschlucht im sardischen Supramonte-Massiv – mit Felswänden von über 500 Metern Höhe und Passagen, die stellenweise nur 4 Meter breit sind. Wer den körperlichen Aufwand nicht scheut, wird mit einer der dramatischsten Landschaften des gesamten Mittelmeerraums belohnt.
Fakten im Überblick
- Lage
- Supramonte-Massiv, an der Grenze zwischen Orgosolo und Urzulei, Ost-Zentralsardinien
- Anfahrt
- Nur mit dem Auto – Trailhead am Passo Genna Silana an der SS125, zwischen Dorgali und Baunei
- Zeitbedarf
- 4–6 Stunden für die Hin- und Rückroute ab Passo Genna Silana; Besuche müssen bis 15:30 Uhr abgeschlossen sein
- Kosten
- 6 € Erwachsene, 4 € Kinder (6–17 Jahre); Tickets nur am Infopoint am Schluchteneingang erhältlich
- Am besten für
- Erfahrene Wanderer, Geologie-Begeisterte und alle, die für eine außergewöhnliche Landschaft auch etwas leisten wollen
- Offizielle Website
- gorropu.info

Was die Gola di Su Gorropu eigentlich ist
Die Gola di Su Gorropu ist eine Karstschlucht, die der Rio Flumineddu über Millionen von Jahren entlang einer Verwerfungslinie im Supramonte-Kalkstein herausgearbeitet hat. Die Wände steigen über 500 Meter über den Schluchtengrund, und an den engsten Stellen ist die Schlucht nur etwa 4 Meter breit. Mit rund 1,5 Kilometern Länge gilt sie als Italiens tiefste Schlucht und gehört zu den tiefsten in ganz Europa.
Der Kalkstein hier ist geologisch alles andere als jung. In den Felswänden stecken versteinerte Meeresmuscheln und Seeigel aus einer Zeit vor 190 bis 60 Millionen Jahren – abgelagert, als dieser Teil des Mittelmeers von einem flachen Meer bedeckt war. Wer unten im Schluchtenboden steht und die Hand an die hellgraue Wand legt, berührt das Zeugnis eines Ozeans, der längst nicht mehr existiert.
Die Schlucht liegt auf der Gemeindegrenze zwischen Orgosolo und Urzulei in der Region Barbagia und Nuoro, einer der rauhesten und kulturell eigenständigsten Gegenden Sardiniens. Es gibt keine Straßen in die Schlucht und keine Bebauung darin. Der Zugang ist ausschließlich zu Fuß möglich.
⚠️ Besser meiden
Die Schlucht ist täglich ab 10:00 Uhr geöffnet, alle Besuche müssen jedoch bis 15:30 Uhr abgeschlossen sein. Die offizielle Website gorropu.info veröffentlicht aktuelle Sperrhinweise, wenn Steinschlaggefahr, Wind oder starker Regen den Zutritt unsicher machen. Unbedingt checken, bevor du losfährst.
Der Weg hinein: Was dich auf dem Trail erwartet
Der gängigste Zugang beginnt am Passo Genna Silana – ein ausgeschilderter Trailhead mit Parkplatz direkt an der Staatsstraße SS125 Orientale Sarda, bei etwa Kilometer 183 zwischen Dorgali und Urzulei. Von hier führt der Weg über rund 5 Kilometer ins Flumineddu-Tal hinab und verliert dabei mehrere hundert Höhenmeter. Der Pfad ist gut ausgetreten, aber uneben: Er quert trockene Flussbetten, führt durch Macchia-Gestrüpp und verlangt gelegentlich etwas Kraxeln über freiliegenden Kalkstein.
Der Abstieg dauert bei zügigem Tempo etwa 1,5 bis 2 Stunden – länger bei Nässe oder wenn du unterwegs öfter anhältst. Wenn du den Schluchteneingang erreichst, werden deine Beine das deutlich gespürt haben. Was die meisten als Erstes bemerken: die Temperatur fällt spürbar. Die Schlucht verläuft überwiegend in Nord-Süd-Richtung, und direktes Sonnenlicht erreicht den Boden im Sommer nur für ein kurzes Fenster um die Mittagszeit. Wer morgens ankommt, findet es im Inneren angenehm kühl – selbst wenn es draußen auf der SS125 glüht.
Im Schluchtinneren verändert sich der Untergrund vollständig. Große Kalksteinblöcke, glatt geschliffen und mitunter rutschig, bedecken den Boden. Das Vorankommen ist langsam und erfordert Konzentration. In einigen Passagen braucht man die Hände zum Abstützen. Das hier ist kein Spaziergang – ungeeignetes Schuhwerk wird sich rächen. Feste Wanderstiefel mit Knöchelunterstützung sind keine Empfehlung, sondern Pflicht.
💡 Lokaler Tipp
Ein 4x4-Shuttle zurück zum Parkplatz am Passo Genna Silana kann während der Öffnungszeiten am Infopoint des Schluchteneingangs gebucht werden – eine echte Erleichterung, wenn jemand in deiner Gruppe beim Abstieg bereits zu kämpfen hatte oder wenn die Nachmittagshitze ein Thema ist.
Im Inneren: Licht, Klang und Dimensionen
Das Sinneserlebnis auf dem Boden der Gola di Su Gorropu ist einzigartig in Sardinien. Der Schall verhält sich anders: Das Rauschen ferner Wasserläufe hallt von den Wänden wider und scheint aus unerwarteten Richtungen zu kommen. Die Luft riecht nach nassem Stein und Flusssediment, selbst in trockenen Monaten – denn in den unteren Abschnitten hält sich das Feuchtigkeit das ganze Jahr. Die Dimensionen der Wände über dir verschieben dein Gefühl für Groß und Klein.
An den engsten Stellen sind die Wände so nah, dass man sie mit beiden ausgestreckten Armen gleichzeitig berühren kann. Schaust du senkrecht nach oben, siehst du einen Streifen Himmel, der zur Mittagszeit blendend weiß wirkt und am späten Nachmittag in ein zartes Bernsteingelb übergeht. In den Stunden vor Schließung um 15:30 Uhr fällt die Sonne schräg auf die Westflanken des Felsens und beleuchtet die Fossilstrukturen im Gestein mit erstaunlicher Klarheit. Das ist auch das beste Zeitfenster für Wandfotos.
Die Vegetation im Schluchteninneren ist karg, aber hartnäckig: Steineichen und Mastixsträucher wachsen aus Felsspalten, ihre Wurzeln graben sich Saison für Saison tiefer in den Kalkstein. Im Frühling besiedeln kleine Farne die schattigen Wandfüße, wo die Feuchtigkeit am längsten bleibt. Wanderfalken brüten an den oberen Felsflanken und sind gelegentlich zu sehen, wie sie über dem Schluchtenrand kreisen.
Beste Reisezeit und saisonale Bedingungen
Spätfrühling (Mai bis Anfang Juni) und Frühherbst (September bis Oktober) bieten die ausgewogensten Bedingungen. Die Temperaturen sind angenehm, der Trail ist in der Regel trocken, und der Rio Flumineddu führt handhabbare Wasserstände. In diesen Zeitfenstern ist die Wanderung herein eher ein Genuss als ein Kampf gegen die Hitze.
Sommerbesuche sind möglich, erfordern aber einen frühen Start. Die SS125-Anfahrt und die offenen Trailabschnitte vor dem Schluchteneingang liegen in der prallen Sonne, und im Supramonte können die Temperaturen im Sommer über 35 °C klettern. Wer um 10:00 Uhr bei Öffnung am Trailhead ist, kommt ins kühle Schluchteninnere, bevor die Nachmittagshitze richtig aufdreht. Mindestens 2 Liter Wasser pro Person einplanen.
Winter und starke Regenperioden sind eine andere Geschichte. Nach kräftigen Niederschlägen kann sich der Schluchtengrund teilweise mit Wasser füllen, was das Durchkommen gefährlich oder unmöglich macht. Die offizielle Website ist die maßgebliche Quelle für Sperrhinweise. Nach Regen nie ohne vorherige Statusprüfung in die Schlucht einsteigen.
Für eine übergreifende saisonale Planung in der Region gibt der Reisezeit-Guide für Sardinien einen guten Überblick, wie sich die Wetterverhältnisse auf verschiedene Teile der Insel auswirken – einschließlich des Supramonte-Inlands.
Anreise: Die praktische Seite
Es gibt keine direkten öffentlichen Verkehrsmittel zur Gola di Su Gorropu. Ein Auto ist Pflicht. Der Hauptzugangspunkt ist der ausgeschilderte Trailhead am Passo Genna Silana an der SS125, bei etwa Kilometer 183. Die SS125 ist eine Bergstraße: landschaftlich beeindruckend, stellenweise schmal, mit anspruchsvollen Kurvenpassagen zwischen Baunei und Dorgali. Mit einem normalen Mietwagen ist sie gut fahrbar, aber sie ist keine Autobahn.
Von Nuoro aus dauert die Fahrt etwa 45 bis 60 Minuten. Von Cagliari (rund 200 Kilometer entfernt) sollte man mindestens 3 Stunden einplanen. Aus dem Gebiet des Golfo di Orosei rund um Cala Gonone ist der Trailhead in etwa 30 bis 40 Minuten erreichbar. Die Schlucht lässt sich gut in eine größere Supramonte-Route einbauen, die Canyon, Küste und Gebirge verbindet.
Da man für diesen Teil Sardiniens definitiv auf das Auto angewiesen ist, lohnt sich eine gute Routenplanung. Der Sardinien-Roadtrip-Guide behandelt den SS125-Korridor und zeigt, wie man ihn mit anderen Highlights im Supramonte und in der Ogliastra verbinden kann.
Geführte Touren und die vollständige Schluchten-Querung
Der Standard-Besuch führt vom Flumineddu-Tal aus in die Schlucht hinein und umfasst den ersten zugänglichen Abschnitt des Schluchtenbodens, bevor das Gelände ohne technische Ausrüstung unpassierbar wird. Das ist es, was das Eintrittticket beinhaltet – und was die meisten Besucherinnen und Besucher erleben.
Eine längere technische Durchquerung der gesamten Schlucht ist eine völlig andere Unternehmung: Sie erfordert spezialisierte Canyoning-Kenntnisse, Seile und idealerweise einen lizenzierten Guide. Das ist kein Abenteuer, das man mal eben improvisiert. Die Schluchtenwände bieten in bestimmten Abschnitten keinen Ausstieg mehr, und der Wasserstand kann bei Nässe schnell ansteigen.
Lizenzierte Wander- und Canyoning-Guides für das Supramonte-Gebiet findest du über die lokalen Tourismusbüros in Dorgali, Urzulei und Orgosolo. Der Wanderführer für Sardinien gibt einen Überblick über das breitere Wegenetz in diesem Teil der Insel – einschließlich Routen, die den Supramonte mit der Küste des Golfo di Orosei verbinden.
Ist die Gola di Su Gorropu den Aufwand wert?
Die Anmarschroute ab Passo Genna Silana ist etwa 8–12 Kilometer lang (Hin- und Rückweg), überwindet erhebliche Höhenunterschiede und bietet auf den offenen Abschnitten keinen Schatten. Der Schluchtengrund verlangt körperliche Sicherheit auf unebenem Blockgelände. Das hier ist keine Sehenswürdigkeit, über die man zufällig stolpert – sie erfordert Planung, eine angemessene körperliche Verfassung und das richtige Schuhwerk. Wer einen gemütlichen Schlenker-und-Staunen-Ausflug erwartet, wird sich unwohl fühlen.
Wer diese Voraussetzungen mitbringt, wird nicht enttäuscht. Die Dimensionen der Wände, die Stille im Inneren und die geologische Fremdartigkeit des Ortes rechtfertigen den Aufwand auf eine Weise, die Fotos nie ganz einfangen können. Das Ganze ist nicht übertrieben vermarktet – anders als manche sardische Küstenattraktionen. Die Schwierigkeit wirkt als natürlicher Filter: Selbst in der Hochsaison ist es im Inneren selten voll.
Wer besser verzichten sollte: Personen mit erheblichen Mobilitätseinschränkungen, Reisende mit Kleinkindern, die keine 5-stündige anspruchsvolle Tour durchhalten können, und alle, die nicht bereit oder in der Lage sind, ausreichend Wasser und Sonnenschutz mitzuführen. Die harte Schließzeit um 15:30 Uhr bedeutet außerdem, dass Langschläfer unter Zeitdruck geraten oder abgewiesen werden.
Insider-Tipps
- Tickets werden nicht im Voraus und nicht online verkauft. Bring Bargeld mit, denn Kartenzahlung am abgelegenen Eingangs-Infopoint ist nicht garantiert.
- Der 4x4-Shuttle zurück zum Parkplatz am Passo Genna Silana lohnt sich – buche ihn am besten gleich zu Beginn deines Besuchs, falls jemand in deiner Gruppe beim Abstieg schon kämpfen musste. Damit sparst du euch den mühsamen Aufstieg auf müden Beinen.
- Die Fossilstrukturen in den Felswänden kommen im späten Nachmittagslicht am besten zur Geltung, wenn die Sonne die westlichen Flächen streifend beleuchtet. Wer den Schluchtenbesuch im Sommer auf etwa 13:30 bis 14:30 Uhr legt, hat das beste Licht für Wandfotos und kommt trotzdem noch rechtzeitig vor dem Schließen um 15:30 Uhr raus.
- Schau am Morgen deines geplanten Besuchs auf gorropu.info – nicht schon am Abend vorher. Steinschlag und wetterbedingte Sperrungen werden oft kurzfristig angekündigt, und die Anfahrt von den meisten Ausgangspunkten dauert über eine Stunde.
- Der Zugangsweg ab Passo Genna Silana führt durch ein trockenes Flussbett, das nach Regen deutlich schlammiger und langsamer zu begehen ist – selbst wenn die Schlucht selbst geöffnet ist. Plane extra Zeit ein, wenn es in den letzten 24 Stunden geregnet hat.
Für wen ist Gola di Su Gorropu geeignet?
- Wanderer mit solider Trailpraxis, die eine anspruchsvolle Halbtages-Tour suchen
- Geologie- und Fossilienbegeisterte mit Interesse am mesozoischen Meereskalkestein
- Fotografen, die dramatische Vertikallandschaften suchen, ohne klettertechnische Ausrüstung zu benötigen
- Reisende, die eine mehrtägige Supramonte-Route planen und Schlucht, Küste und Gebirge kombinieren wollen
- Alle, die Sardiniens spektakulärste Inlandslandschaft erleben wollen – ohne den Trubel an den Strandhotspots im Sommer
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Barbagia & Nuoro:
- Giara di Gesturi
Die Giara di Gesturi erhebt sich auf rund 550 Meter über Zentralsardinien und ist ein 45 Quadratkilometer großes Basaltplateau, das durch vulkanische Aktivität im Oligozän entstanden ist. Korkeichenwälder, saisonale Feuchtgebiete und eine außergewöhnliche Population kleiner Wildpferde machen sie zu einer der ökologisch einzigartigsten Landschaften der Insel.
- Monte Ortobene
Der Monte Ortobene erhebt sich auf 955 Meter über dem Meeresspiegel östlich der Stadt Nuoro im Landesinneren Sardiniens. Der bewaldete Berg bietet Panoramablicke über Zentralsardinien, eine markante Bronzestatue des Cristo Redentore und Wanderwege durch duftende Macchia. Der Eintritt ist frei, die Straße führt bis zum Gipfel – und die Atmosphäre hier oben hat nichts mit der Küste gemein.
- Murales di Orgosolo
Orgosolo, ein kleines Bergdorf in der Barbagia-Region im Herzen Sardiniens, hat seine Gassen seit den späten 1960er-Jahren mit rund 150 Wandgemälden bedeckt. Die Murales di Orgosolo sind zu jeder Stunde kostenlos zugänglich und gehören zu den politisch aufgeladensten und visuell eindrücklichsten Open-Air-Kunsterlebnissen Italiens.
- Museo del Costume e della Tradizione Sarda (Nuoro)
Auf dem Hügel Sant'Onofrio oberhalb von Nuoro gelegen, beherbergt das Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde eine der bedeutendsten ethnografischen Sammlungen Italiens. Mit rund 8.000 Objekten – von Festtrachten über Silberschmuck bis hin zu Masken und Webwerkzeug – zeichnet es ein fundiertes und lohnendes Bild der Kultur, die das Innere Sardiniens geprägt hat.