Chinamada: Das bewohnte Höhlendorf in den Anaga-Bergen Teneriffas
Chinamada ist ein kleines, noch bewohntes Höhlendorf, das in den Vulkantuff der Anaga-Berge im Nordosten Teneriffas gehauen wurde. Der Besuch ist kostenlos, zu Fuß durch Lorbeerwald erreichbar und bietet eines der ungewöhnlichsten Kultur- und Landschaftserlebnisse der Insel.
Fakten im Überblick
- Lage
- Parque Rural de Anaga, Gemeinde San Cristóbal de La Laguna, Nordosten Teneriffas
- Anfahrt
- TITSA-Busse (Linien 273, 76, 77) bis Cruz del Carmen, dann markierter Wanderweg PR-TF 10 zu Fuß. Mit dem Auto über die TF-12 Anaga-Höhenstraße Richtung Las Carboneras.
- Zeitbedarf
- Mindestens ein halber Tag. Für die komplette Route Cruz del Carmen–Chinamada–Punta del Hidalgo solltest du 4–6 Stunden einplanen.
- Kosten
- Kostenlos. Kein Eintritt für das Dorf oder die öffentlichen Wanderwege im Parque Rural de Anaga.
- Am besten für
- Wanderer, Geschichtsinteressierte, Fotografen und alle, die eine echte bewohnte Höhlensiedlung sehen möchten

Was Chinamada wirklich ist
Chinamada ist keine Ruine, kein Freilichtmuseum und kein folkloristisches Schaustück. Es ist ein lebendiger Weiler mit etwa 30 Höhlenhäusern, die direkt in den Vulkantuff des Anaga-Massivs gehauen wurden – und eine kleine Zahl von Menschen wohnt hier das ganze Jahr über. Offiziell als Caserío de Chinamada bekannt, liegt der Ort auf rund 600 Metern über dem Meeresspiegel im Nordosten Teneriffas, innerhalb des Parque Rural de Anaga, einer der ältesten und artenreichsten Ecken der Kanarischen Inseln.
Die Behausungen sind keine primitiven Felslöcher. Von außen wirken sie wie schlichte, weiß getünchte Dorfhäuser, doch ihre Rückwände – manchmal das gesamte Innere – sind der gewachsene Fels. Viele wurden über Generationen hinweg aus- und umgebaut; Strom und fließendes Wasser kamen in den letzten Jahrzehnten hinzu. Was Chinamada so besonders macht, ist nicht das Spektakuläre, sondern die Kontinuität: Seit Jahrhunderten hauen Menschen Unterkünfte in diesen Bergrücken – und manche tun es noch immer.
Der Weiler liegt eingebettet in den Parque Rural de Anaga, ein Biosphärenreservat, das 1994 als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Der Park bewahrt einen der letzten verbliebenen Lorbeerwälder der Welt – ein subtropischer Lorbeerwald, der einst weite Teile des Mittelmeerraums bedeckte und heute nur noch auf den Makaronesischen Inseln überlebt. Chinamada liegt mitten in diesem Baumkronendach, weshalb der Anmarschweg kühl, grün und grundlegend anders ist als die trockene Südküste, die die meisten Besucher kennen.
Die Geschichte hinter den Höhlenhäusern
Das Höhlenwohnen in den Anaga-Bergen ist älter als die spanische Kolonisierung. Die Guanchen, die Ureinwohner Teneriffas, nutzten natürliche und ausgehöhlte Höhlen ausgiebig als Unterkunft, Lager und Begräbnisstätte. Der Vulkantuff, der den Großteil des Anaga-Kamms ausmacht, ist weich genug, um mit einfachen Werkzeugen bearbeitet zu werden, aber stabil genug, um Behausungen über Jahrhunderte zu tragen. Chinamada ist eines der deutlichsten erhaltenen Beispiele dieser Tradition, die bis in die Gegenwart ohne Unterbrechung fortlebt.
Nach der spanischen Conquista im späten 15. Jahrhundert übernahmen Bauerngemeinschaften die bestehenden Höhlenstrukturen und bauten sie aus. Der Weiler wuchs organisch entlang des Kamms, wobei jede Behausung durch den verfügbaren Fels geformt wurde und nicht durch irgendeinen formalen Plan. Das Ergebnis ist eine unregelmäßige, vielschichtige Siedlung, die eher in den Hang hineingewachsen als auf ihn aufgebaut wirkt.
Diese ethnografische Tiefe hebt Chinamada von den meisten Sehenswürdigkeiten Teneriffas ab. Es ist weder eine Kirche noch ein Park noch ein Strand, sondern ein Stück vorkolonialer Architektur, das noch heute täglich genutzt wird. Wer mehr über die Geschichte der Ureinwohner und die Kolonialzeit der Insel erfahren möchte, findet im Museo de la Naturaleza y Arqueología in Santa Cruz eine der bedeutendsten Guanchen-Archäologiesammlungen der Welt.
Der Weg nach Chinamada: Das Wandererlebnis
Es gibt keinen einfachen Weg nach Chinamada – und genau das macht den Aufwand lohnenswert. Der gängigste Zugang führt über den markierten Wanderweg PR-TF 10 ab Cruz del Carmen, einem Rastplatz und Besucherpunkt auf der Anaga-Höhenstraße (TF-12), der mit den TITSA-Bussen 273, 76 und 77 von La Laguna erreichbar ist. Der Weg schlängelt sich durch dichten Lorbeerwald, bevor er auf offene Kammpassagen mit Blick über die Nordostküste mündet.
💡 Lokaler Tipp
Die TITSA-Buslinien 273, 275, 76 und 77 verbinden La Laguna mit Cruz del Carmen. Schau vor der Abfahrt auf der offiziellen TITSA-Website nach den aktuellen Fahrplänen – im Anaga-Gebiet fahren die Busse selten, besonders am Wochenende.
Als alternativer Ausgangspunkt bietet sich Las Carboneras an, ein kleiner Weiler, der über eine schmale Bergstraße von der TF-12 erreichbar ist. Von Las Carboneras ist der Weg nach Chinamada kürzer und weniger bewaldet; er quert stärker exponiertes Gelände oberhalb des Barranco de Chinamada. Manche Wanderer kombinieren beide Varianten zu einer Linienroute: Bus bis Cruz del Carmen, durch den Wald nach Chinamada, dann bergab nach Punta del Hidalgo an der Nordküste und zurück mit dem Bus. Offizielle Routenangaben beziffern diese Gesamtstrecke auf rund 10,4 Kilometer und 5–6 Stunden – plane je nach Tempo vier bis sechs Stunden ein.
Mit dem Auto ist Chinamada über die TF-12 und weiterführende Bergstraßen erreichbar, doch die Parkmöglichkeiten nahe dem Weiler sind äußerst begrenzt, und das letzte Stück ist so eng, dass Zurücksetzen nötig werden kann, sobald ein anderes Fahrzeug auftaucht. An Wochenenden und im Sommer sind die Parkplätze früh belegt. Die meisten Besucher kommen zu Fuß – und so ist es auch gedacht.
⚠️ Besser meiden
Die Wege umfassen in Fels gehauene Stufen, exponierte Kammpassagen und steile Abstiege über Schluchten. Sie sind weder für Rollstühle noch für Kinderwagen geeignet, und wer ernsthaft unter Höhenangst leidet, sollte die Route vorab genau recherchieren. Festes Schuhwerk mit Knöchelstütze wird dringend empfohlen.
Was dich bei der Ankunft erwartet
Chinamada zeigt sich langsam, während du den Kamm entlanggehst: zuerst ein Cluster weißer Fassaden vor dem dunklen Fels, dann die gesamte Siedlung, die sich entlang des Hügelkamms erstreckt. Die Häuser blicken nach außen, ihre Fronten ordentlich und wohnlich, doch der Fels dahinter ist an den Rändern sichtbar – und an einigen Stellen sieht man, wo das lebendige Gestein schlicht zur Rückwand eines Zimmers wird. Es gibt Hühner. Es gibt Gemüsebeete in Terrassen. Und – bemerkenswert – es gibt ein Restaurant.
Das Restaurante La Cueva ist die einzige Gaststätte im Weiler, in einem Höhlenhaus im Zentrum der Siedlung untergebracht. Es serviert kanarische Küche, angeblich darunter traditionelle Eintöpfe und das Inselgericht Papas arrugadas mit Mojo. Berichten zufolge ist es montags und dienstags geschlossen, und die Öffnungszeiten können variieren – es lohnt sich, vor dem Besuch lokal oder online nachzufragen, wenn du deine Ankunftszeit danach ausrichten möchtest. An einem klaren Werktag am Vormittag ist es oft so ruhig, dass du draußen sitzen kannst, ohne viele andere Gäste um dich zu haben.
Das Dorf selbst ist klein – du gehst es in wenigen Minuten durch. Was Zeit braucht, ist der Aussichtspunkt. Chinamada liegt auf einem Vorsprung mit freiem Blick nordwärts zum Atlantik und zur weit unten liegenden Küste bei Punta del Hidalgo, mit einem Abfall vom Dorfrand von mehreren hundert Metern zur Talsohle. An klaren Tagen sind La Palma oder La Gomera am Horizont zu erkennen.
Tageszeit und saisonale Hinweise
Die Anaga-Berge haben ihr eigenes Mikroklima. Entlang des Kamms bilden sich häufig Wolken, die sich an den meisten Tagen gegen Mittag auflösen – sie können aber auch im Herbst und Winter den ganzen Tag bleiben. Der Lorbeerwald wirkt am stimmungsvollsten, wenn tiefliegende Wolken hindurchziehen und den Weg in etwas verwandeln, das aus einem Märchen stammt. Doch der Aussichtspunkt von Chinamada ist bei völliger Bewölkung wertlos.
Wer werktags gegen Vormittag ankommt, verbindet gutes Licht, angenehmere Temperaturen beim Wandern und wenige Mitbesucher. An Sommerwochenenden nachmittags nimmt der Andrang auf dem PR-TF 10 spürbar zu, obwohl Chinamada nie so überfüllt wird wie ein Strandresort. Der Weiler ist ein ruhiger Wohnort und sollte als solcher respektiert werden: Hier leben und arbeiten noch Menschen, und das Betreten nicht eingefriedeter Grundstücke gehört sich nicht.
Wer die Wandermöglichkeiten im Anaga-Gebiet insgesamt planen möchte, findet im Wanderführer für Teneriffa Infos zu Wegbeschaffenheit, Schwierigkeitsgraden und praktischer Planung für die gesamte Insel.
Fotografieren und praktische Hinweise
Das fotografisch Interessante an Chinamada ist das Nebeneinander von ganz normalem Alltag und außergewöhnlicher Geologie: Wäsche, die vor rohem Vulkantuff trocknet, eine Fernsehantenne an einer Höhlenfassade, ordentliche Vorhänge vor Fenstern, die in Stein gehauen sind. Fotografiere vom öffentlichen Weg aus und vermeide es, private Innenräume zu zeigen oder Bewohner ohne ihr Einverständnis abzulichten.
Der Aussichtspunkt nördlich des Weilers ermöglicht Weitwinkelaufnahmen über die Schlucht und zur Küste hin. Am frühen Nachmittag fällt das Licht direkt auf die Höhlenfassaden, die größtenteils nach Norden ausgerichtet sind – Mittag ist hier für Architekturfotos besser als sonst üblich. Für die Waldabschnitte auf dem Anmarschweg liefern bedeckte Bedingungen bessere Ergebnisse als grelles Sonnenlicht, da das Blätterdach dicht ist und direktes Licht starke Kontraste erzeugt.
Nimm Wasser mit: Auf dem Weg gibt es keine zuverlässige öffentliche Versorgung, und das Restaurant hat nicht immer geöffnet. Zieh dich in Schichten an, denn am Kamm kann es auch im Sommer deutlich kühler sein als an der Küste. Im Weiler haben mehrere Mobilfunknetze keinen Empfang – lade Offline-Karten herunter, bevor du losfährst. Das Anaga-Gebiet wird im Anaga-Gebirge-Reiseführer behandelt, der auch praktische Hinweise zum gesamten Park enthält.
Für wen der Besuch lohnt – und für wen nicht
Chinamada belohnt Neugier und die Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen und langsam zu Fuß voranzukommen. Der Ort ist genau richtig für Wanderer, die am Ende eines Wegs ein kulturelles Ziel suchen, für Geschichtsinteressierte mit Faible für Guanchen- und kanarisches Landerbe sowie für Fotografen, die über die Vulkanlandschaften und Strandszenerien der Insel hinaus etwas suchen.
Wer in erster Linie Strand, Nightlife oder Resortangebote sucht, wird hier nicht fündig. Die Stätte ist ohne ausgiebige Wanderung oder eine enge Bergfahrt nicht erreichbar, es gibt keine Einrichtungen außer einem Restaurant, und der Reiz ist wirklich subtil: Man muss sich dafür interessieren, was ein bewohntes Höhlendorf bedeutet, um wirklich etwas davon mitzunehmen. Wer im Süden der Insel untergebracht ist, muss zudem eine erhebliche Fahrtzeit einplanen. In dem Fall bietet sich ein Tagesausflug an, der Chinamada mit der nahe gelegenen historischen Stadt La Laguna und der Anaga-Höhenstraße verbindet – so lässt sich die weite Anreise besser nutzen.
Die Wanderwege sind nicht geeignet für Kleinkinder im Kinderwagen, Besucher mit eingeschränkter Mobilität oder alle, die sich auf unebenem Berggelände mit exponierten Kanten unwohl fühlen. Das ist keine Kritik am Ort, sondern eine wichtige Information für die Planung. Wer die körperlichen Anforderungen nicht erfüllt, findet auf der Anaga-Höhenstraße (TF-12) Aussichtspunkte über den Park, die ganz ohne Wanderung zugänglich sind.
Insider-Tipps
- Schau am Vorabend deines Besuchs den TITSA-Fahrplan nach. Busse nach Cruz del Carmen von La Laguna fahren selten, und wer den letzten Rückbus von Punta del Hidalgo verpasst, muss ein Taxi nehmen oder sehr lange laufen.
- Falls das Restaurant geöffnet ist, setz dich lieber nach draußen: Die Terrassenaussicht nordwärts über die Schlucht zur Küste ist eine der schönsten Mittagskulissen in den Anaga-Bergen.
- Der Weg ab Cruz del Carmen ist als PR-TF 10 ausgeschildert, aber die Wegweiser an Kreuzungen können verblasst sein. Lade die Route vorher in einer Wander-App wie Komoot oder Wikiloc herunter – auf Teilen des Wegs gibt es kaum oder kein Handynetz.
- Ein Besuch dienstags oder mittwochs verringert die Wahrscheinlichkeit, viele andere Wanderer anzutreffen, erheblich. An Samstagsnachmittagen im Sommer können 30 bis 40 Menschen in ein Weiler einfallen, der sonst weniger als ein Dutzend Ganzjahresbewohner hat.
- Der Anaga-Lorbeerwald wirkt am stimmungsvollsten bei leichtem Nebel oder kurz nach Regen, wenn das Blätterdach tropft und der Weg nach feuchter Erde und Moos riecht. Sag einen Besuch nicht einfach wegen morgendlicher Bewölkung ab – oft reißt der Himmel auf, bevor du den Kamm erreichst.
Für wen ist Dorf Chinamada geeignet?
- Wanderer, die ein kulturelles und historisches Ziel ansteuern möchten, statt einfach einen Gipfel oder Aussichtspunkt zu erreichen
- Fotografen, die sich für traditionelle Architektur und gelebte Alltagslandschaften interessieren
- Geschichts- und Archäologiebegeisterte mit Interesse an Guanchen-Erbe und vorkolonialen Siedlungsformen
- Reisende im Norden Teneriffas, die einen Halbtagesausflug abseits der Touristenzentren suchen
- Alle, die den Parque Rural de Anaga jenseits der üblichen Aussichtspunkte auf der TF-12-Höhenstraße erleben möchten
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Anaga Rural Park:
- Anaga-Gebirge & Lorbeerwald
Der Parque Rural de Anaga liegt an der zerklüfteten Nordostspitze Teneriffas und schützt einen der größten noch erhaltenen Lorbeerwälder Europas sowie eine Küstenlinie mit senkrechten Klippen, die direkt in den Atlantik fallen. Der Eintritt ist kostenlos, die Wanderwege sind wirklich wild, und die Landschaft sieht ganz anders aus als der Rest der Insel.
- Natürliche Pools von Punta del Hidalgo
Die Piscina Natural de Punta del Hidalgo liegt an der äußersten Spitze der Nordküste Teneriffas, wo Vulkangestein auf den offenen Atlantik trifft. Der Eintritt ist kostenlos, es ist kaum was los, und die Landschaft erinnert nicht im Geringsten an den Süden mit seinen Urlaubsresorts. Das ist Teneriffa für alle, die etwas Echtes suchen.
- Playa de Benijo
Playa de Benijo ist ein schwarzer Vulkanstrand an Teneriffas abgelegener Nordostküste, eingerahmt von uralten Felsnadeln und dem dichten Lorbeerwald des Anaga Rural Park. Nur über einen steilen Pfad erreichbar – per Auto oder langer Busfahrt – belohnt er alle, die den Weg auf sich nehmen, mit rauer Atlantikkulisse und echter Einsamkeit.
- Wanderweg Afur nach Taganana
Der PR-TF 8 ist ein 14,3 km langer Rundweg im Anaga-Naturpark auf Teneriffa. Er verbindet das kleine Dorf Afur mit dem abgelegenen Ort Taganana und führt durch einen der ältesten erhaltenen Lorbeerwälder Europas. Steil, stellenweise rutschig und wirklich abgeschieden – wer ihn geht, wird mit Schluchtenblicken, nebelverhangenen Graten und kaum anderen Wanderern belohnt.