Tram 28E: Lissabons ikonischste Fahrt (und wie du sie wirklich genießt)
Der Elétrico 28E ist Lissabons meistfotografierte Straßenbahnlinie – sie schlängelt sich in Holzwagen aus den 1930er Jahren durch jahrhundertealte Viertel. Halb echtes Verkehrsmittel, halb rollender Aussichtspunkt. Was dich wirklich erwartet und wie du das Beste daraus machst.
Fakten im Überblick
- Lage
- Praça Martim Moniz bis Campo de Ourique (Prazeres), durch Alfama, Baixa, Chiado und Estrela
- Anfahrt
- Zu Fuß vom Praça da Figueira zum Martim Moniz (östliche Endstation); Bahnen sind mit 28E beschriftet
- Zeitbedarf
- 45 Minuten von Ende zu Ende; mehr einplanen, wenn du zwischendurch aussteigen möchtest
- Kosten
- Einzelticket ca. 3 € (über Carris); kostenlos mit der Lisboa Card
- Am besten für
- Erstbesucher, die einen geografischen Überblick wollen; Architekturliebhaber; Reisende, denen steile Hügel zu Fuß zu viel sind
- Offizielle Website
- www.carris.pt/en/travel/carreiras/28e

Was der Tram 28E eigentlich ist
Der Elétrico 28E ist eine vollwertige öffentliche Verkehrslinie, betrieben von Carris, dem städtischen Verkehrsbetrieb Lissabons. Er ist kein Touristenzug und auch keine Nostalgiefahrt im Freizeitparkstil. Dieselben hölzernen Remodelado-Wagen, die Touristen befördern, bringen auch ältere Anwohner zum Markt, Schulkinder und Einheimische, die Besorgungen machen. Genau diese doppelte Identität macht die Fahrt sehenswert.
Die Linie überbrückt 7 Kilometer von der Praça Martim Moniz im Osten bis nach Campo de Ourique (Prazeres) im Westen und durchquert dabei einige der geografisch und historisch markantesten Viertel Lissabons in einer einzigen Fahrt. In etwa 45 Minuten führt die Route durch Graça, taucht in Alfama ein, kreuzt das flache Raster der Baixa, steigt in den Chiado hinauf und rollt durch Estrela zum Endbahnhof am Friedhof Prazeres. Keine andere Linie der Stadt bietet so viel Charakter pro Kilometer.
💡 Lokaler Tipp
Steig an der Praça Martim Moniz (der östlichen Endstation) ein, nicht irgendwo auf halber Strecke. Du bekommst garantiert einen Sitzplatz und erlebst die gesamte Fahrt – ohne den Stress, in einem überfüllten Wagen noch Platz zu finden.
Die Geschichte hinter den gelben Wagen
Lissabons Straßenbahnnetz geht auf das Jahr 1873 zurück, als von Pferden gezogene Wagen erstmals durch die Stadt fuhren. Die Elektrifizierung folgte 1901, und die spätere Linie 28E wurde 1914 eingeweiht. Die heute eingesetzten Remodelado-Wagen stammen aus den 1930er Jahren, wurden aber in späteren Jahrzehnten umfangreich renoviert. Sie fahren auf schmalem 900-mm-Spurgleis – deshalb kommen sie auch durch Gassen in Alfama, die für ein Auto zu eng wirken.
Es sind keine Nachbauten, die nur alt aussehen sollen. Die Holzinnenverkleidungen, die Lederriemen, an denen sich Stehende festhalten, die mechanische Glocke, die der Fahrer an engen Kurven läutet – all das ist im Geiste original, auch wenn einzelne Bauteile im Laufe der Zeit erneuert wurden. Lissabon hat dieses Netz am Leben gehalten, während andere europäische Städte ihre Schienen Mitte des 20. Jahrhunderts herausrissen – teils aus Budgetgründen, teils weil die steilen, engen Gassen von Alfama schlicht keine praktische Alternative ließen.
Die Route führt direkt vor der Sé-Kathedrale vorbei, streift die Mauern der Burg São Jorge hoch oben und rollt an der Basílica da Estrela nahe der westlichen Endstation vorbei. Das geografische Gebiet, das der Tram abdeckt, ist im Grunde eine komprimierte Geschichte der städtischen Schichten Lissabons.
Die Fahrt selbst: Was du siehst und spürst
Ab Martim Moniz geht es fast sofort bergauf. Die Steigung ist steiler, als sie von der Straße aus wirkt, und man hört den Motor auf dem Weg nach Graça stöhnen. Durch die Fenster hängt Wäsche zwischen Gebäuden, die nah genug zum Anfassen sind. Anwohner sitzen auf Treppenstufen. Die Glocke der Bahn läutet an fast jeder Ecke – nicht zur Dekoration, sondern aus Notwendigkeit: Manche Kurven sind so eng, dass Fußgänger die herankommende Bahn nicht sehen können.
Der Abstieg in die Alfama ist ein sinnliches Erlebnis auf mehreren Ebenen. Der Geruch von Holzkohle aus einem Grilllokal zieht durch die offenen Fenster. Die engen Gassen verstärken das Rattern der Räder auf den Schienenstößen. An der Haltestelle Largo das Portas do Sol bist du nur wenige Schritte von einem der schönsten Flussaussichtspunkte Lissabons entfernt. Die meisten Touristen bleiben in der Bahn – hier auszusteigen und den nächsten Wagen später zu nehmen ist die klügere Entscheidung.
Wer in Alfama aussteigt, findet den Miradouro das Portas do Sol und den nahegelegenen Miradouro de Santa Luzia in maximal zwei Gehminuten von der Haltestelle. Beide bieten unverstellte Ausblicke über die Terrakottadächer Richtung Tejo.
Sobald der Tram die Baixa überquert und dann nach Chiado aufsteigt, ändert sich der Charakter merklich. Die engen mittelalterlichen Gassen weichen breiteren Straßen aus dem 18. Jahrhundert, und die Fahrgäste wechseln von neugierigen Touristen zu Einheimischen mit Einkaufstaschen. Wenn die Bahn Estrela erreicht – wer nach Einbruch der Dunkelheit fährt, sollte das in seine Planung einbeziehen.
Andrang: Wann du fahren solltest – und wann besser nicht
Zwischen etwa 10 und 18 Uhr ist der Tram 28E im Sommer oft schon an der zweiten oder dritten Haltestelle ausgelastet. Wer an der Martim Moniz einsteigt, hat noch einen Sitzplatz – und schaut den Rest der Fahrt dabei zu, wie an den Zwischenstationen Menschen nicht mehr einsteigen können. Das ist keine Übertreibung: Im Juli und August fahren manche Bahnen an Haltestellen vorbei, ohne anzuhalten, weil schlicht kein Platz mehr ist.
⚠️ Besser meiden
Taschendiebstahl ist im 28E ein echtes Risiko, besonders in überfüllten Wagen an Sommermitten. Wertgegenstände in eine Fronttasche oder eine verschlossene Tasche stecken. Die Bahn ist nicht gefährlich, aber die Dichte abgelenkter Touristen macht sie zu einem bekannten Zielgebiet.
Die besten Zeitfenster zum Fahren sind vor 9 Uhr morgens und nach 19 Uhr. Früh am Morgen fährt die Bahn eher mit Berufspendlern als mit Touristen. Das Licht ist zu dieser Stunde auch besser für Fotos – lange Schatten, warme Töne auf den Fassaden von Alfama. Abendfahrten, besonders in der goldenen Stunde vor Sonnenuntergang, sind ruhiger und bieten bessere Chancen auf einen Fensterplatz. Der Tram fährt täglich, also ändern weder Wochenenden noch Feiertage viel an der Rechnung – die Tageszeit ist alles.
Im Winter, besonders von November bis Februar, lichtet sich der Andrang deutlich. Das Erlebnis ist authentischer, und die Wagen sind mittags oft weniger als halb voll. Regen stoppt den Betrieb nicht, verlängert aber die Fahrtzeiten ein wenig, da der Fahrer nasse Kopfsteinpflasterkurven vorsichtiger nimmt.
Praktisches: Preise, Einsteigen und Barrierefreiheit
Der Tram 28E wird von Carris betrieben und verwendet das reguläre Tarifsystem des Lissaboner Nahverkehrs. Ein Einzelticket kostet rund 3 €, erhältlich direkt beim Fahrer. Mit der Lisboa Card ist die Fahrt inbegriffen. Die Navegante-Karte (aufladbare Monatskarte) ist eine weitere Option, wenn du mehrere Tage bleibst und auch Busse und U-Bahn nutzen möchtest.
Die Remodelado-Wagen sind nicht rollstuhlgerecht. Der Einstieg erfordert zwei bis drei Stufen, der Innenraum ist schmal, und der Stehplatzbereich ist begrenzt. Reisende mit eingeschränkter Mobilität, die dieselbe Route dennoch erleben möchten, können auf ein Taxi oder Uber ausweichen – diese können einem großen Teil des Weges durch Alfama und weiter in den Chiado folgen.
Eine zuverlässige App-basierte Echtzeitverfolgung einzelner Bahnen gibt es nicht, also lieber Pufferzeit einplanen, wenn du eine bestimmte Haltestelle für einen Anschlusstermin treffen musst. Die Taktung variiert, aber zu Stoßzeiten fahren die Bahnen von der Endstation meist alle 10 bis 15 Minuten.
Fotografieren: Was du mitbringen solltest
Der Tram selbst fotografiert sich am besten von außen, nicht von drinnen. Wer das klassische Bild einer gelben Bahn will, die sich um eine enge Kurve in Alfama kämpft, stellt sich an einer der scharfen Kurven nahe dem Largo da Sé oder am Aufstieg oberhalb der Portas do Sol auf und wartet. Die Bahnen fahren oft genug, dass die Wartezeit kurz ist. Ein 50-mm-Äquivalent ist ideal – alles Weitwinkligere verzerrt die Proportionen der engen Gassen.
Von innen am besten durch die offenen Fenster fotografieren, nicht durch Glas. Die Holzrahmen des Innenraums, die abgegriffenen Lederriemen, die Fahrerkabine – all das ergibt starke Nahaufnahmen. Die meistfotografierten Tramkurven Lissabons liegen im Alfama-Abstieg, besonders nahe der Sé-Kathedrale.
Bequeme, geschlossene Schuhe mit gutem Grip sind Pflicht. Wer steht, merkt schnell, dass die Bahn an Steigungen und Kurven ruckt – die Lederriemen sind der einzige Halt. Leichte Kleidungsschichten funktionieren das ganze Jahr gut: drinnen kann es eng und warm werden, aber durch die offenen Fenster kommt beim Fahren kühle Luft herein.
Lohnt es sich? Eine ehrliche Einschätzung
Der Tram 28E ist zu Stoßzeiten kein komfortables, vorhersehbares Erlebnis. Die Wagen sind klein, manchmal überfüllt, und die Route ist nicht besonders schnell. Wer vor allem effizient von einem Viertel ins andere kommen will, ist mit einem Taxi oder der U-Bahn für die meisten Fahrten besser bedient.
Was der Tram stattdessen bietet, ist räumliche Orientierung und Atmosphäre. Einmal von Ende zu Ende fahren – am besten am ersten Tag in Lissabon – gibt dir ein geografisches Gespür dafür, wie die Viertel der Stadt zusammenhängen, das keine Karte wirklich vermitteln kann. Du begreifst auf eine körperliche Weise, warum Alfama archaisch wirkt und Chiado elegant – und warum die Baixa zwischen beiden liegt wie ein rationales Raster, das in ein irrationales Gelände hineingepresst wurde.
Reisende, denen Menschenmassen Stress bereiten, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind oder die bereits viel Zeit in Lissabon verbracht haben, werden am 28E vielleicht weniger finden. Aber wer zum ersten Mal hier ist: Die Tramfahrt mit einem anschließenden Spaziergang durch Alfamas Gassen danach ergibt einen der rundesten Halbtage, den die Stadt zu bieten hat.
Insider-Tipps
- Steig an der Praça Martim Moniz ein, der östlichen Endstation. Dort ist ein Sitzplatz so gut wie garantiert, und du fährst die gesamten 7 Kilometer – statt irgendwo in der Mitte in einen überfüllten Wagen zu quetschen.
- Wer in Fahrtrichtung Westen auf der rechten Seite sitzt, hat etwas bessere Ausblicke auf die Fassaden des Alfama-Hangs. Links bekommst du gelegentlich Blicke zwischen den Gebäuden hindurch zum Tejo.
- Die Bahn hält an bestimmten Haltestellen eine Minute oder zwei an, besonders am Largo da Sé. Nutz diese Momente, um kurz auszusteigen, ein Foto vom Äußeren zu machen und wieder einzusteigen, bevor sie weiterfährt. Der Fahrer wartet nicht – aber die Pause ist lang genug, wenn du schnell bist.
- Wenn du spät unterwegs bist, plane entsprechend oder nimm für die restliche Strecke ein Taxi.
- Die Bahn fährt dienstags und samstags morgens am Bereich des Flohmarkts Feira da Ladra vorbei. Wenn du deine Fahrt so planst, dass du früh an der Santa Apolónia ankommst, kannst du zum Markt laufen und danach wieder mit der Bahn zurückfahren.
Für wen ist Tram 28 geeignet?
- Erstbesucher, die Lissabons Viertel in einer einzigen, zusammenhängenden Fahrt kennenlernen wollen
- Architektur- und Kulturenthusiasten, die sich von den Remodelado-Wagen aus den 1930ern und dem vorindustriellen Stadtgefüge begeistern lassen
- Reisende, deren Route von Alfama nach Chiado oder Estrela führt – der Tram ist dann gleichzeitig malerisch und praktisch
- Fotografen, die früh morgens oder zur goldenen Stunde unterwegs sind, wenn das Licht auf den Alfama-Fassaden am wärmsten ist
- Besucher, die Lissabon so erleben wollen, wie Einheimische es tun – in derselben Bahn, im selben Tempo, durch dieselben Gassen
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Alfama:
- Feira da Ladra
Die Feira da Ladra ist Lissabons ältester und stimmungsvollster Flohmarkt – jeden Dienstag und Samstag auf dem Campo de Santa Clara im Alfama-Viertel. Der Eintritt ist frei, die Geschichte reich und das Angebot herrlich unberechenbar. Wer früh kommt und geduldig stöbert, wird belohnt.
- Miradouro das Portas do Sol
Hoch über den Dächern Alfamas bietet der Miradouro das Portas do Sol einen der vielschichtigsten Ausblicke Lissabons: den Tejo, die Kuppel von São Vicente de Fora und das Terrakotta-Labyrinth des ältesten Stadtviertels. Der Eintritt ist kostenlos, der Zugang rund um die Uhr möglich – und wer den richtigen Zeitpunkt wählt, wird belohnt.
- Miradouro de Santa Luzia
Hoch über den Dächern Alfamas bietet der Miradouro de Santa Luzia eine große Terrasse unter einer bougainvilleabewachsenen Pergola, einen weiten Blick über den Tejo-Ästuar und zwei bemerkenswerte Azulejo-Tafeln, die Lissabons Geschichte vor dem großen Erdbeben erzählen. Der Eintritt ist frei, die Terrasse rund um die Uhr geöffnet.
- Nationales Pantheon
Das Nationale Pantheon befindet sich in der Igreja de Santa Engrácia aus dem 17. Jahrhundert in Alfama und ist eines der architektonisch beeindruckendsten Bauwerke Lissabons. Der Eintritt ist kostenlos, die barocke Kuppel beeindruckend und die Dachterrasse in 40 Metern Höhe bietet einen Ausblick, der den Aufstieg mehr als rechtfertigt. Hier ruhen einige der bedeutendsten Persönlichkeiten Portugals – darunter Fado-Legende Amália Rodrigues und Fußballstar Eusébio.