Xintiandi, Shanghai: Das Shikumen-Viertel, das sich neu erfunden hat
Xintiandi ist ein Fußgängerviertel in Huangpu, das aus restaurierten Shikumen-Stadthäusern aus den 1920er-Jahren besteht. Heute finden sich hier internationale Restaurants, Boutiquen, Bars und der Standort des Ersten Nationalen Kongresses der Kommunistischen Partei Chinas. Der Eintritt in die Gassen ist kostenlos. Das Erlebnis reicht vom ruhigen Morgenkaffee bis zur lebhaften Bar-Szene nach Einbruch der Dunkelheit.
Fakten im Überblick
- Lage
- Gasse 181, Taicang Road, Bezirk Huangpu, Shanghai
- Anfahrt
- U-Bahn Linie 10 oder Linie 13 – Station Xintiandi (Ausgang 1 oder 6)
- Zeitbedarf
- 1,5 bis 3 Stunden für einen ausgiebigen Rundgang, Essen und einen Museumsbesuch
- Kosten
- Eintritt in die Gassen kostenlos; Restaurants und Bars zu Shanghaier Premiumpreisen
- Am besten für
- Architekturliebhaber, Abendessen, Paare, Shanghai-Erstbesucher
- Offizielle Website
- www.xintiandi.com/en/project/xintiandi-shanghai

Was Xintiandi wirklich ist
Shanghai Xintiandi (上海新天地) ist ein verkehrsberuhigtes Kulturviertel in Huangpu, das auf den Grundmauern eines Shikumen-Viertels entstanden ist, in dem einst ganz gewöhnliche Shanghaier Familien lebten. Shikumen, zu Deutsch „Steintor-Haus”, ist ein Wohnstil, der einzigartig für Shanghai ist: gereihte graue Backsteingebäude entlang enger Steingassen, mit hohen Torrahmen und Innenhöfen, die südchinesische und westliche Reihenhausformen miteinander verbinden. Dieser Baustil entstand im späten 19. Jahrhundert und prägte die Wohnverhältnisse der meisten Shanghaier Stadtbewohner in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Die Neuentwicklung, die Anfang der 2000er-Jahre abgeschlossen wurde, war umstritten. Hunderte von Familien wurden umgesiedelt, und die ursprüngliche Bausubstanz wurde hinter erhaltenen Fassaden im Wesentlichen entkernt und nach modernen Baustandards neu errichtet. Was du heute durchschreitest, ist kein lebendiges historisches Viertel mehr – anders als einige Ecken der früheren Französischen Konzession. Die Gassen sind sauber, das Kopfsteinpflaster glatt, und an Wochenendabenden drängeln sich die Massen. Dennoch ist das architektonische Detail auf Augenhöhe beeindruckend: gemeißelte Sturze, schwere Holztorrahmen, rau strukturierte Backsteinfassaden und Innenhöfe, die das Tempo selbst an belebten Nachmittagen spürbar drosseln.
ℹ️ Gut zu wissen
Xintiandi gliedert sich in einen Nordblock (Seite der Taicang Road, mit Schwerpunkt auf Restaurants und dem KPCh-Museum) und einen Südblock (mehr Einzelhandel und das überdachte Xintiandi Style Mall). Im Nordblock im Freien verbringen die meisten Besucher den Großteil ihrer Zeit.
Wer mehr über die stadthistorische Bedeutung der Shikumen-Architektur erfahren möchte, findet im Shanghai-Architekturführer eine vollständige Zeitleiste vom Bau in der Vertragshafenzeit bis zu den heutigen Hochhäusern.
Der Ort des Ersten Nationalen Kongresses der KPCh
Im Nordblock befindet sich eine der historisch bedeutendsten Adressen der modernen chinesischen Geschichte. Im Gebäude an der Xingye Road 76 fand im Juli 1921 der Erste Nationale Kongress der Kommunistischen Partei Chinas statt – bevor die Delegierten nach ihrer Entdeckung durch die Polizei auf ein Boot auf dem Nanhu-See in Jiaxing ausweichen mussten. Das Gebäude ist erhalten und zu einem Museum umgebaut worden.
Das Gedenkmuseum des Ersten Nationalen Kongresses der KPCh ist offiziell eine eigenständige Sehenswürdigkeit, liegt aber direkt im Xintiandi-Areal. Der Eintritt ist kostenlos, zeitgebundene Reservierungen sind jedoch häufig erforderlich. Die Ausstellungen sind detailliert und auch auf Englisch beschriftet. Der rekonstruierte Tagungsraum vermittelt eine konkrete Vorstellung vom Ausmaß und der Geheimhaltung dieses Gründungsmoments. Plane 30 bis 45 Minuten ein, wenn du hineingehst.
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Wie sich das Erlebnis im Tagesverlauf verändert
Der Morgen ist die unterschätzteste Zeit für einen Besuch in Xintiandi. Vor 10:00 Uhr sind die Gassen so ruhig, dass man die eigenen Schritte auf dem Steinpflaster hört. Das Licht fällt tief und schräg zwischen den Backsteinsfassaden hindurch und macht die Textur der alten Wände weit sichtbarer als im flachen Mittagslicht. Einige Cafés öffnen früh. Die Luft riecht zu dieser Stunde leicht nach feuchtem Stein – ein Geruch, der mit dem Fußverkehr und den aufziehenden Küchenaromen vollständig verschwindet.
Gegen Mittag füllt sich das Viertel mit Büroangestellten aus dem umliegenden Huangpu, Touristengruppen und Shoppern, die zwischen dem Nordblock im Freien und dem klimatisierten Südblock pendeln. An Wochentagen wirken die Gassen belebt, aber nicht erdrückend voll. Wochenenden zwischen 12:00 und 15:00 Uhr sind die verkehrsreichsten Zeiten, besonders an den fotogeneren Gassenkreuzungen und vor dem KPCh-Kongressgebäude, wo sich Besucher für Fotos anstellen.
Am Abend wandelt sich der Charakter von Xintiandi am deutlichsten. Nach 18:00 Uhr übernehmen Restaurant- und Bargäste das Zepter, und in den wärmeren Monaten quillt die Außenbestuhlung in die Gassen hinein. Die Steintor-Gebäude werden von unten sanft beleuchtet, was dem grauen Backstein einen bernsteinfarbenen Schimmer verleiht, der sich grundlegend vom Tageslicht unterscheidet. Wer wegen der Architektur und der Stille kommt, sollte morgens kommen. Wer auf ein Abendessen und Drinks in einem stimmungsvollen Ambiente aus ist, ist abends genau richtig.
💡 Lokaler Tipp
Fototipp: Die Kreuzung der Nordblock-Gassen rund um Gasse 181 hat an klaren Morgen zwischen 08:00 und 10:00 Uhr das beste Strukturlicht. In der Abenddämmerung erzeugt die warme Aufhellung der Backsteinsfassaden ganz andere Bilder. Mittags ist das Licht am flachsten und härtesten.
Anreise und Orientierung vor Ort
Sowohl U-Bahn-Linie 10 als auch Linie 13 halten an der Station Xintiandi; Ausgang 1 oder 6 bringt dich direkt an den nördlichen Rand des Viertels. Vom Ausgang bis zur ersten Shikumen-Gasse sind es weniger als zwei Minuten zu Fuß. Vom Bund oder dem Volksplatz aus ist Linie 10 die direkteste Verbindung. Vom Jing'an-Tempel fährt Linie 13 ohne Umstieg.
Xintiandi liegt am nördlichen Rand des Verwaltungsbezirks Xuhui, nahe der Früheren Französischen Konzession. Beide Bereiche lassen sich gut zu Fuß verbinden: Vom Südblock aus erreicht man nach einem 10- bis 15-minütigen Spaziergang südlich entlang der Madang Road oder Ruijin Er Road die ruhigeren Wohnstraßen der Konzession. Wer beides zu einer Nachmittagsrunde kombiniert, hat eine logische und befriedigende Route.
Die Gassen selbst sind flach und breit genug für Rollstühle und Kinderwagen. Zwischen den Hauptfußgängerbereichen des Nordblocks gibt es keine Stufen. Das Südblock-Mall ist durchgehend mit Aufzügen ausgestattet. Der Untergrund besteht aus traditionellem Steinpflaster: nicht rau, aber auch nicht die glattest mögliche Oberfläche für Rollkoffer. Zieh das Wetter in Betracht, denn beide Blöcke sind überwiegend offen, und der Schutz vor Regen ist begrenzt.
Essen und Trinken in Xintiandi
Das Gastronomie- und Barangebot in Xintiandi ist vielfältig und durchgehend im Premiumsegment von Shanghai angesiedelt. Von kantonesischem Dim Sum über japanisches Omakase bis hin zu gehobenem Shanghaier Küche und europäischen Brasserien ist alles vertreten. Mehrere renommierte internationale Restaurantgruppen haben hier ihre Flagship-Locations oder frühe Shanghai-Standorte. Die Außensitzplätze im Nordblock füllen sich an Freitag- und Samstagabenden schnell – eine Reservierung für das Abendessen ist sinnvoll, wenn du ein bestimmtes Lokal im Sinn hast.
Für günstiges Essen ist Xintiandi nicht der richtige Ort. Ein Kaffee in einem der Spezialitätencafés kostet zwischen 35 und 65 Yuan. Ein Abendessen für zwei in einem mittelpreisigen Restaurant im Viertel liegt typischerweise bei 300 bis 600 Yuan, in gehobeneren Lokalen entsprechend mehr. Wer gut essen, aber nicht Xintiandi-Preise zahlen möchte, findet in den umliegenden Straßen von Huangpu in kurzer Gehdistanz mehr lokale Optionen. Das Viertel punktet mit Ambiente und Service – und verlangt dafür entsprechend.
Einen umfassenderen Überblick darüber, wo man rund ums Viertel gut essen kann, bietet der Shanghai-Essensführer, der die wichtigsten Gerichte der Stadt und die besten Adressen auf verschiedenen Preisstufen vorstellt.
Ehrliche Einschätzung: Lohnt sich der Besuch?
Xintiandi hat unter erfahrenen Shanghai-Reisenden einen gemischten Ruf – und das ist verständlich. Wer ein authentisch erhaltenes Altstadtviertel erwartet, wird schnell merken, dass die Patina hier größtenteils rekonstruiert ist. Die Shikumen-Ästhetik ist echt, aber der Kontext ist vollständig kommerziell. Keine Anwohner, die Wäsche aufhängen, kein lokaler Tante-Emma-Laden, kein Alltagsleben, das durch die Tore sichtbar wäre.
Was Xintiandi tatsächlich bietet, ist eine hochwertige Fußgängerzone rund um einen wirklich eigenständigen Architekturstil, mit ernstzunehmenden Essensmöglichkeiten und einer guten Abendatmosphäre. Für Shanghai-Erstbesucher, die Shikumen-Architektur sehen möchten, ohne sich durch weniger tourismusorientierte Viertel zu bewegen, ist es ein vernünftiger Ausgangspunkt. Das KPCh-Kongressmuseum verleiht dem Ganzen echte historische Substanz. Und als Ziel für Abendessen mit anschließenden Drinks ist die Kulisse kaum zu übertreffen.
Wer Shikumen in weniger kuratierter Form erleben möchte, sollte die Gassen rund um Tianzifang in der früheren Französischen Konzession erkunden – dort ist die kommerzielle Überlagerung geringer und das Gefühl dem eines noch funktionierenden Stadtviertels näher.
⚠️ Besser meiden
Für wen sich der Besuch weniger lohnt: Reisende mit kleinem Budget werden Xintiandi frustrierend finden, da fast jedes Lokal in den Gassen auf Gäste mit Spesenkonto ausgerichtet ist. Wer Authentizität über Inszenierung stellt, ist auf den Straßen der Französischen Konzession im Süden besser aufgehoben. An Regentagen verliert der offene Nordblock einen Großteil seines Reizes.
Saisonale Hinweise
Frühling (April bis Mai) und Herbst (Oktober bis November) sind die angenehmsten Jahreszeiten für einen Spaziergang durch Xintandis Außengassen. Die Temperaturen liegen zwischen 15 und 22 °C, die Luftfeuchtigkeit ist geringer als im Sommer, und das Licht ist angenehm. Sommerbesuche zwischen Juni und August bedeuten Hitze über 30 °C und hohe Luftfeuchtigkeit; der klimatisierte Südblock wird dann attraktiver, und die Außengassen fühlen sich mittags weniger behaglich an. Shanghais Pflaumenregenzeit von Juni bis Anfang Juli kann tagelangen Nieselregen bringen, der die Steingassen rutschig macht und die Sichtbedingungen für die Fotografie verschlechtert.
Einen vollständigen Überblick über die saisonalen Bedingungen in Shanghai bietet der Reisezeit-Ratgeber für Shanghai, der Wettermuster, Besuchermengen und wichtige saisonale Ereignisse abdeckt.
Insider-Tipps
- Die Gassen im Nordblock sind rund um die Uhr zugänglich, auch wenn die Geschäfte geschlossen haben. Ein Spaziergang an Wochentagen zwischen 07:30 und 09:00 Uhr belohnt dich mit nahezu menschenleeren Gassen, gutem Fotografierlicht und keinen Wochenendmassen.
- Für das Gedenkmuseum des Ersten Nationalen Kongresses solltest du vorab prüfen, ob eine zeitgebundene Reservierung unter Angabe deines echten Namens erforderlich ist. Spontaner Einlass ist an vollen Wochenenden und Feiertagen nicht immer möglich – Reservierungen laufen über den offiziellen WeChat-Account und das WeChat-Miniprogramm des Museums.
- Der Südblock ist über einen unterirdischen Gang mit dem Xintiandi Style Mall verbunden – praktisch an Regentagen und mit günstigeren Food-Court-Optionen im Vergleich zu den Restaurants in den Gassen.
- Xintiandi liegt in einem fußläufig erreichbaren Cluster: Die Sinan Mansions sind etwa 10 Minuten östlich, und die baumgesäumten Straßen der früheren Französischen Konzession beginnen direkt südlich des Südblocks. Wer beides in eine ausgedehnte Nachmittagsrunde einbaut, spart sich unnötige U-Bahn-Wege.
- Außensitzplätze an Bars und Restaurants in den Gassen sind an warmen Freitagabenden oft schon vor 19:30 Uhr belegt. Wer einen bestimmten Terrassentisch möchte, sollte früh kommen oder reservieren. Die Innenräume haben meist weniger Atmosphäre als die Außenbereiche.
Für wen ist Xintiandi geeignet?
- Shanghai-Erstbesucher, die einen zugänglichen, fußläufigen Einstieg in die Shikumen-Architektur suchen
- Paare, die ein Abendessen und Drinks vor echtem architektonischem Hintergrund genießen möchten
- Geschichtsinteressierte, die den Besuch mit dem Gedenkmuseum des Ersten Nationalen Kongresses verbinden
- Architekturbegeisterte, die sich für den Shikumen-Typus und seinen Kontext im 20. Jahrhundert interessieren
- Besucher, die hochwertiges internationales Essen in angenehmer Außenatmosphäre suchen
Sehenswürdigkeiten in der Nähe
Weitere Highlights in Xintiandi & Huaihai:
- Huaihai Road
Einst die prächtige Avenue Joffre der Französischen Konzession, erstreckt sich die Huaihai Middle Road über rund 5,5 Kilometer durch Shanghais Zentrum – eine lebendige Mischung aus internationalen Marken, unabhängigen Cafés, Platanenbäumen und hundert Jahre alten Gassenhäusern. Kostenlos zu erkunden, immer wieder anders – und um 10 Uhr morgens eine völlig andere Welt als um 21 Uhr.
- Gedenkstätte des Ersten Nationalkongresses der KPCh
In einer ruhigen Gasse in Xintiandi markiert ein erhaltenes Shikumen-Stadthaus den Ort, an dem im Juli 1921 dreizehn Delegierte zusammenkamen und die Kommunistische Partei Chinas gründeten. Heute bilden das historische Gebäude und ein moderner Ausstellungsanbau gemeinsam eine der bedeutendsten und kostenlos zugänglichen Sehenswürdigkeiten Shanghais.